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Entwicklung der Förderschülerzahlen in Thüringen

Kleine Anfrage 4/2557

mit Antwort des Thüringer Kultusministeriums vom 25.11.2008 (Drucksache 4/4650)

In Thüringen wird dem gemeinsamen Lernen der Schüler Vorrang eingeräumt, d.h. Schüler mit und ohne sonderpädagogischem Förderbedarf lernen in zeitlicher und räumlicher Einheit. All jene Schüler, die nicht am gemeinsamen Unterricht teilnehmen können, werden in einer geeigneten Förderschule eingeschult.

Trotz sinkender Schülerzahlen ist in den letzten Jahren der Anteil der Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf kontinuierlich angestiegen.

Ich frage die Landesregierung:

  1. Wie viele Schülerinnen und Schüler besuchen in Thüringen eine staatliche Förderschule bzw. eine Förderschuleinrichtung in freier Trägerschaft?
    In Thüringen besuchten im Schuljahr 2007/2008 10 326 Schülerinnen und Schüler eine Förderschule in staatlicher Trägerschaft, davon 318 Schülerinnen und Schüler eine schulvorbereitende Einrichtung. Im Bereich der Schulen in freier Trägerschaft besuchten im Schuljahr 2007/2008 2 476 Schülerinnen und Schüler eine Förderschule, davon 42 eine schulvorbereitende Einrichtung.
  2. Wie gestaltet sich der Anteil der Förderschüler an der Gesamtschülerzahl in Thüringen im Vergleich zu anderen Bundesländern?
    Siehe Anlage (PDF)
  3. Wie hoch ist die Zahl der Förderschüler und wie hoch ist ihr prozentualer Anteil an den Gesamtschülerzahlen in den jeweiligen Klassenstufen in Thüringen und vergleichsweise in anderen Bundesländern?
    Siehe Anlage (PDF)
  4. Welche Entwicklung hat die Zahl der Förderschüler in den letzten Jahren seit 2001 genommen?
    Siehe Anlage (PDF)
  5. Wer entscheidet über die Aufnahme eines Kindes in eine Förderschule?
    Der Schulleiter des Förderzentrums entscheidet gemäß § 8 Thüringer Förderschulgesetz auf der Grundlage eines sonderpädagogischen Gutachtens über die Aufnahme des Kindes in die Förderschule.
  6. Liegt der Entscheidung über die Aufnahme eines Kindes in eine Förderschule ein Gutachten seitens eines Arztes oder Fördertherapeuten zu Grunde?
    Bei Kindern mit Behinderungen, die gemäß Sozialgesetzbuch Eingliederungshilfe oder Leistungen erhalten, liegt ein medizinisches Gutachten vor.
    Aufgabe der Schule ist es, durch einen Förderschullehrer im Mobilen Sonderpädagogischen Dienst festzustellen, was das Kind benötigt, damit die Teilhabe am schulischen Leben möglich wird. Es ist zu prüfen, welcher Sonderpädagogische Förderbedarf als Unterstützungsleistung notwendig ist und an welchem Lernort er realisiert werden soll.
    Der sonderpädagogische Förderbedarf in den Bereichen Lernen, Sprache und Verhalten wird in Thüringen in der Regel ohne medizinische/psychologische Begutachtung festgestellt. Ein zwingender Zusammenhang zwischen einer Behinderung und sonderpädagogischem Förderbedarf bzw. Förderschulbedürftigkeit besteht somit nicht.
  7. Welche Kriterien legen die Verantwortlichen bei ihrer Entscheidung, ein Kind in einer Förderschule beschulen zu lassen, an?
    Es ist bekannt, dass Eltern als Verantwortliche die Förderschulen wählen, weil
    – die Aussicht auf ein Lernen in kleinen Klassen Erfolg versprechender scheint,
    – die Förderschule eine Ganztagsfördereinrichtung ist, somit eine beitragsfreie Ganztagsbetreuung gesichert ist,
    – die Kinder bessere Noten erhalten und weniger Stress haben (dass damit oft ein Wechsel des Bildungsganges mit anderer Schullaufbahn und Perspektive verbunden ist – Lernförderung – wird weniger wahrgenommen) und
    – sie selbst in einer Förderschule waren.
    Verantwortliche Förderschullehrer im Mobilen Sonderpädagogischen Dienst empfehlen den Lernort Förderschule, wenn sie zu der Auffassung gelangen, dass alle pädagogischen Maßnahmen in der allgemeinen Schule erschöpft sind und die Beeinträchtigung des Kindes so stark ist, dass es nicht mehr hinreichend gefördert werden kann.
    In der vom Thüringer Kultusministerium in diesem Jahr veröffentlichten Broschüre „Fachliche Empfehlung zur Sonderpädagogischen Förderung in Thüringen“ sind Maßstäbe für die Anforderung des Mobilen Sonderpädagogischen Dienstes, für das Beratungsgespräch und für das Gutachten zur Feststellung des sonderpädagogischen Förderbedarfs aufgenommen worden, um in Thüringen zunehmend vergleichbare Vorgehensweisen zu erreichen.
  8. Gibt es in anderen Bundesländern abweichende Regelungen im Hinblick auf die Entscheidung zur Beschulung in einer Förderschule?
    Im Vergleich Thüringens mit den alten Ländern ist festzustellen, dass der prozentuale Anteil der Kinder mit Sinnesbehinderungen ähnlich ist, wobei die integrative Beschulung ansteigend ist. Die Anzahl der Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf Lernen, Sprache und Verhalten ist durchgängig geringer, wobei zirka zwei Drittel dieser Schüler, vorrangig in Förderschulen beschult, Kinder mit Migrationshintergrund sind.
    In den neuen Ländern (außer Berlin und Brandenburg) ist der prozentuale Anteil von Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf im Lernen und Sprache sowie in der emotionalen und sozialen Entwicklung analog Thüringens erheblich höher.
    Detailinformationen zu den Regelungen in den anderen Ländern sind in der Anlage beigefügt.
  9. Welche Informationen hat das Ministerium zur sozialen Herkunft bzw. zur sozialen Stellung der Familien von Schülern in den Förderschuleinrichtungen?
    Das Thüringer Kultusministerium verfügt über keine statistischen Daten zur sozialen Herkunft bzw. sozialen Stellung der Familien von Schülern in Förderschuleinrichtungen.
    In der vom Thüringer Kultusministerium in Auftrag gegebenen Expertise über „Voraussetzungen und Rahmenbedingungen für das Gelingen des Gemeinsamen Unterrichts an den allgemein bildenden Schulen in Thüringen“ kommt Frau Prof. A. Sasse zu folgenden Ergebnissen:
    „Untersuchungen zeigen, dass Schulbesuchsquoten unter anderem auch von der Zusammensetzung der Schülerschaft in den Einzugsgebieten der Schulen abhängig sind. Für die gymnasiale Beteiligung lassen sich auf Ebene der Kreise der Länder und auch auf Ebene von Schuleinzugsbereichen eindeutige Zusammenhänge mit sozialen Indikatoren wie Arbeitslosigkeit, Qualifikationsstruktur der Beschäftigten oder Sozialhilfebezug finden. …
    Dass auch die Förderschulbeteiligung in gewissem Maße mit sozialen Merkmalen der Schuleinzugsbereiche zusammenhängt, kann vermutet werden. Erste Analysen zeigen für Thüringen auf der Ebene der Landkreise einen hohen statistischen Zusammenhang zwischen dem Anteil an Kindern mit Sozialgeldbezug und der Förderschulbeteiligung in den Förderschwerpunkten Lernen, Sprache und Emotionale und soziale Entwicklung.
    Nicht ganz so hoch ist der Zusammenhang mit anderen Sozialindikatoren, hier besteht weiterer Forschungsbedarf. …“
  10. Welche Maßnahmen hat das Thüringer Kultusministerium geplant bzw. plant das Kultusministerium, um dem gesetzlich verankerten Ziel des Vorrangs des gemeinsamen Unterrichts zu genügen?
    Mit der thüringenweiten Einführung der veränderten Schuleingangsphase mit dem damit verbundenen Auftrag an die Grundschulen wurde eine Maßnahme zur Umsetzung des Gemeinsamen Unterrichts eingeleitet. Die Entwicklung einer kindgerechten Schuleingangsphase bedeutet, die Heterogenität der Kinder am Schulanfang als Chance zu erkennen und den Unterricht danach zu gestalten. Dieser pädagogische Anspruch ermöglicht einen erfolgreichen Gemeinsamen Unterricht von Kindern mit und ohne sonderpädagogischem Förderbedarf.
    In der Zuweisung von Lehrerwochenstunden wurde eine Grenze für sonderpädagogische Ressourcen eingezogen, die über den bundesweiten Durchschnittszahlen liegt. Seit dem Schuljahr 2004/2005 werden, beginnend mit der Schuleingangsphase, für 4,5 Prozent der Kinder eines Jahrgangs unabhängig vom Lernort sonderpädagogischer Förderbedarf in den Schwerpunkten Sprache, Lernen und sozial-emotionale Entwicklung Ressourcen pauschal zugewiesen. Die Staatlichen Schulämter erhalten für diese Schüler Lehrerwochenstunden für Sonderpädagogen, die, orientiert am tatsächlichen Bedarf, flexibel vergeben werden. Ziel dieser Maßnahme ist es, Diagnostizierung und Ressourcenvergabe zu entkoppeln und somit eine bedarfsgerechtere Zuweisung von sonderpädagogischer Kompetenz zu ermöglichen.
    Mit der vom Thüringer Kultusministerium veröffentlichten Broschüre „Fachliche Empfehlung zur Sonderpädagogischen Förderung in Thüringen“ werden Empfehlungen für sonderpädagogisches Handeln und Orientierungshilfe bei der Umsetzung gesetzlicher Vorgaben gegeben. Diese Broschüre kann auch im Internet-Angebot des Thüringer Kultusministeriums heruntergeladen werden.
    Die staatlichen Förderschulen entwickeln sich mit dem gesetzlichen Auftrag zu Kompetenz und Beratungszentren weiter, um sonderpädagogische Förderung zu dezentralisieren und sonderpädagogische Kompetenz zu jedem Kind zu bringen.
    In die Verwaltungsvorschrift für die Organisation der Schuljahre 2008/2009 und 2009/2010 wurde eine im Modellprojekt erprobte veränderte Zuweisung der sonderpädagogischen Stunden aufgenommen. Die errechneten Stunden erhält danach das zuständige Förderzentrum, das mit den Grundschulen, Regelschulen und Gymnasien seines Einzugsbereiches ein Netzwerk bildet. Die Verteilung der Lehrerwochenstunden und der Einsatz der Förderschullehrer im Gemeinsamen Unterricht werden vom Förderzentrum in Zusammenarbeit mit den Schulen im Netzwerk erörtert und geklärt. Die Einsatzpläne der Mobilen Sonderpädagogen sind so zu gestalten, dass den Schulen im Netzwerk schrittweise Förderschullehrer mit möglichst vielen Stunden als verlässliche Partner zur Verfügung stehen.
    Darüber hinaus wurde in jedem Staatlichen Schulamt eine Steuergruppe „Weiterentwicklung der Förderzentren und des Gemeinsamen Unterrichts“, die professions- und institutionsübergreifend zusammengesetzt ist, eingerichtet. Sie soll den Prozess der Entwicklung der Förderzentren zu Kompetenz- und Beratungszentren und des Gemeinsamen Unterrichts am Schulamt begleiten und gegebenenfalls steuernd tätig werden. Es wurden in jedem Schulamtsbereich hierzu Regionalkonferenzen durchgeführt, auf denen eine wissenschaftliche Analyse zum Stand des Gemeinsamen Unterrichts in der Region vorgestellt wurde und durch die Steuergruppe eine eigene regionale Sachstandseinschätzung erfolgte. Derzeit erarbeitet jede Steuergruppe eine Konzeption, in der die gestellten Ziele und Maßnahmen festgeschrieben werden.

Weitere Informationen: Anlagen zur Drucksache

 

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