Michael Panse Reden zum Nachlesen

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Lernen im Alter als Chance und Herausforderung

Vortrag beim Mitteldeutschen Weiterbildungsforum „Lebenslanges Lernen“

Bildung für Ältere und generationensübergreifend mit Jüngeren, Uni Chemnitz 28.9.2011

Zunächst einmal herzlichen Dank an Herrn Professor Schöne für die Einladung zu dieser Konferenz. Die Vorträge und interessanten Gespräche bedeuten sicher nicht nur für mich viel Stoff und Anregung für die tägliche Arbeit.

Meine Damen und Herren, ich möchte Ihnen heute eine sehr ernste Frage stellen:

Woran sterben wir? –

Betrachten wir einmal nicht die traurigen Unglücksfälle, bei denen heimtückische Krankheiten oder Unfälle Menschen verfrüht aus dem Leben reißen, so können wir hier in Mitteleuropa feststellen: Wir werden erfreulicherweise immer älter. Hohe Standards in der Versorgung und ein Leben geschützt vor Krieg und Gewalt machen das genauso möglich wie der medizinische Fortschritt. Beinahe täglich finden wir neue Mittel gegen den körperlichen Verfall.

Sicher, unser Leben ist endlich. Aber woran sterben wir dann? –

Es ist leider oft Einsamkeit. Es ist soziale wie geistige Vereinsamung. Nichts fürchten wir mehr, als im Alter allein zu sein. Nicht einmal die Armut. Und das zu Recht: Gegen die Vereinsamung im Alter hat unsere Gesellschaft noch kein Mittel gefunden. Im Grunde genommen hat sie sie sogar erst produziert. Dabei wäre es gar nicht so schwer, hier gegenzusteuern.

Zentrales Thema dieser Konferenz ist das lebenslange Lernen, insbesondere die Bildung für Ältere. Was bedeutet es in diesem Zusammenhang, wenn ich über Einsamkeit spreche? Ganz einfach: Wer lernt, ist nicht allein. Wer lernt, hat noch nicht aufgegeben. Wer lernt, geht einem Thema, einem Interesse, einem Hobby nach – im Idealfall gemeinsam oder im Austausch mit Gleichgesinnten. Lernen heißt also immer auch: Kommunizieren und Sozialisieren.

Was können denn die Alten noch lernen?, mögen einige fragen. Oder sogar noch persönlicher: Was können wir denn im Alter noch lernen? Die Antwort darauf ist einfach: fast alles. In der Intelligenzforschung wird die Altersdimension schon seit den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts neu bewertet. Ein intellektueller Altersabbau ließ sich mit fortschrittlichen Forschungskonzepten und -instrumenten auch aus der Hirnforschung empirisch einfach nicht belegen. In einigen Bereichen ist es sogar umgekehrt: nämlich immer da, wo erfahrungsabhängige Intelligenzfaktoren gefragt sind. Und selbst da, wo Bewegungen oder Beweglichkeit eine Rolle spielen, sind Senioren nicht per se im Nachteil.

Im Prinzip ist es nämlich ein Leben lang möglich, Bewegungen zu erlernen. In einer Studie der Jacobs University Bremen ließen Sportwissenschaftler 1200 Testpersonen zwischen 6 und 89 Jahren Jonglieren üben. Das Ergebnis: Am geschicktesten waren erwartungsgemäß die 15- bis 29-Jährigen. Das Erstaunliche: Bei den 30- bis 75-Jährigen aber gab es kaum Unterschiede. Fast alle konnten nach kurzer Übung mit Bällen oder Tüchern jonglieren. Erst die Über-80-Jährigen hatten damit Probleme. Eine Erkenntnis, die uns allen Mut machen kann und sollte.

Den Traum vom Klavierspielen mit dem Ruhestand angehen: warum nicht? Im Alter endlich für die Platzreife trainieren: nur zu. Unserem Körper und unserem Geist wird das gut tun. Vielleicht begegnen wir sogar neuen Freunden mit ähnlichen Träumen. Egal, ob wir es dabei zur Meisterschaft bringen oder nicht: Wir werden auf jeden Fall Gesprächsstoff finden und, was unglaublich wertvoll ist, Bestätigung.

Ohnehin haben sich die Begrifflichkeiten vom Alter längst verschoben. Mal ganz davon abgesehen, dass manch rüstige und geforderte Großmutter mit 63 agiler wirken kann als eine desillusionierte 36-jährige Langzeitarbeitslose nach einem Jahrzehnt voller Rückschläge: Was ist das Alter, wenn wir es objektiv betrachten wollen? Der Zeitraum des jungen Erwachsenenalters hat sich aus entwicklungspsychologischer Sicht heute auf bis etwa 45 Jahre ausgedehnt. Das mittlere Erwachsenenalter dauert bis etwa 65 Jahre. Erst danach wird überhaupt von Alter im ursprünglichen Sinne gesprochen. Von Betagtheit gar erst ab 75. Gerade in diesem Jahrzehnt – zwischen 65 und 75 – steckt großes und leider zu oft ungenutztes Potenzial nicht nur für den Einzelnen, sondern für die ganze Gesellschaft. Die Mutter, deren Kleinkind nicht in die Kita darf, weil es Husten hat, kann vielleicht dennoch ihrem Job nachgehen, wenn die Nachbarin in Rente das Aufpassen übernimmt. Auch das ist Lernen, nämlich informelles. Wir müssen wieder mehr zueinander finden.

Natürlich liegt es auch an jedem selbst, sich zu engagieren und zu motivieren. Aber nicht jeder kann das. Nicht überall, wo ein Wille ist, findet sich auch ein Weg. Das Konzept vom selbstorganisierten Lernen funktioniert relativ unkompliziert, wenn wir über den Mittelstand reden und alles, was sich darüber befindet. Für die Schichten darunter bestehen die Bildungsnachteile wie in allen anderen Lebensphasen fort – oft mit fatalen Folgen. Selbst gesunde Menschen werden im Alter ohne Lebensinhalt, ohne Forderung und ohne Austausch schnell zum Pflegefall.

Motivieren allein hilft also nichts, wenn entsprechende Angebote fehlen. In den ostdeutschen Bundesländern liegt der Anteil der Über-65-Jährigen heute bereits bei durchschnittlich 25 Prozent. In besonders von der Abwanderung junger Leute betroffenen Regionen sogar noch höher. Viele von ihnen sind von Altersarmut bedroht oder gar betroffen. Wir können und dürfen es uns nicht leisten, diese große Gruppe auf einem weiteren Gebiet mit ihren Wünschen und Zielen allein zu lassen. Alter und Erfahrung sind eine gesellschaftliche Ressource, die man nicht verschenken sollte.

Aber wie sieht die Situation bei uns aus? Um für Thüringen zu sprechen: Es könnte und müsste besser sein. Zum Glück haben wir die Angebote der Volkshochschulen. Wer in einer Stadt lebt, könnte hier fündig werden. Den gerade in den kleineren Ortschaften so wichtigen Vereinen fehlt es oft schon am Geld für die Nachwuchsförderung, von spezieller Seniorenarbeit ganz zu schweigen.

Hier wäre sicher ein guter Ansatzpunkt auch für generationenübergreifende Konzepte: bei den ganz persönlichen Interessen voneinander und miteinander lernen. An fast allen unseren Universitäten etablieren sich zunehmend die so genannten Senioren-Kollegs. Die traurige Ausnahme bildet Weimar, wo die Bauhaus-Universität inzwischen nur noch ein Senioren-Studium anbietet – für 500 Euro Gebühr pro Semester. Und vollkommen vorbei am tatsächlichen Bedarf. Die Gruppe der Senioren, die tatsächlich am Absolvieren eines kompletten Studiums mit Abschluss interessiert ist, bleibt doch überschaubar. Geht es beim Lebenslangen Lernen nicht vielmehr um weniger verbindliche, weniger aufwändige Angebote? Und weniger teure? Da wird es sich doch sehr leicht gemacht in einer Stadt, die mit ihrer Attraktivität für Rentner und dem daraus resultierenden Alterszuzug wirbt.

Die institutionalisierte Bildung ist in Thüringen wie in ganz Deutschland leider immer noch fast ausschließlich spezialisiert auf eine andere Zielgruppe: die der Menschen in Erstausbildung. Oder, um es zuzuspitzen: die der Jungen. Die Öffnung der Hochschulen für Ältere sollte jedoch nicht länger als Gefallen interpretiert werden. Im Gegenteil. Unserem Recht auf Bildung gemäß Artikel 26 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte kann nicht genüge getan sein, sobald wir das Erwachsenenalter erreicht haben. Der demografische Wandel ist keine Spekulation mehr – er hat uns längst erreicht.

Damit verbunden sind veränderte Lebensläufe. Die einstige Geradlinigkeit hat der Flexibilität Platz gemacht, und das nicht nur räumlich, sondern auch fachlich. Die Halbwertzeit von Wissen verringert sich stetig. Auch eine fundierte Ausbildung zu Beginn des Lebens ist heute nicht mehr hinreichend für ein ganzes Erwerbsleben und die anschließende Phase des Ruhestands. Ständige Weiterbildung ist zur Pflicht, zur Grundvoraussetzung geworden für jeden, der im Berufsalltag bestehen will. Sie ist aber auch eine Chance – für den Einzelnen wie für die Gesellschaft. Wer das Lernen nicht verlernt, bleibt rege im Geist und kann seine Erfahrung mit Jüngeren teilen. Davon profitieren alle. Schon allein deshalb sollten Gebühren so gestaltet sein, dass Angebote zum Lebenslangen Lernen für Ältere aus allen Einkommensverhältnissen zugänglich sind. Es ist auch die Aufgabe der Politik, entsprechende Möglichkeiten zur Finanzierung oder Förderung von Erwachsenen- und Seniorenbildung zu schaffen. Dass das Lernen im Lebenslauf zu den großen polititischen wie gesellschaftlichen Herausforderungen für unser Land zählt, hat die Bundesregierung immerhin erkannt. Eine Konzeption für das Lernen im Lebenslauf wurde im April 2008 verabschiedet. Allein: Unser Lebenslauf scheint für die Politik mit dem Austritt aus dem Berufsleben beendet zu sein. Lernen im Alter sieht das beschlossene Konzept nicht einmal am Rande vor. Hier wurde ein Viertel der Bundesbürger schlichtweg vergessen.

International funktioniert die Seniorenbildung teilweise schon sehr gut. Die skandinavischen Länder, aber auch die Niederlande gehen mit Erfolg voran. Die große Bedeutung, die besonders das informelle Lernens für das Lebenslange Lernen hat, wurde hier nicht nur erkannt, sondern auch in ganzheitliche Lern- und Bildungskonzepte integriert. Hier können wir alle etwas lernen. Zum Beispiel durch bewusstes Hinsehen. In der gesamten Europäischen Union wird 2012 das Jahr des aktiven Alterns und der Solidarität zwischen den Generationen begangen. Die Brisanz des Themas ist europaweit erkannt. Nur beim Handeln sind einige, darunter auch Deutschland, noch nicht so weit wie andere. Dabei kann Aktives Altern auch für uns der Schlüssel sein zum dringend notwendigen Miteinander der Generationen. Alte Menschen, die aktiv ins gesellschaftliche Leben integriert werden, leben gesünder und leben erfüllter. Nur wer als wichtiges Glied anerkannt wird, kann sich einbringen und muss nicht als vermeintlicher Ballast mitgeschleift werden.

Es ist eine Herausforderung für jeden von uns, besonders auch für uns Politiker, die Möglichkeiten für aktives Altern zu verbessern. Als Beauftragter für das Zusammenleben der Generationen in Thüringen sehe ich mich hier in einer besonderen Verantwortung. Ziel muss es sein, Deutschland und in meinem speziellen Fall natürlich Thüringen beim Lebenslangen Lernen im europäischen Vergleich aus der Mittelmäßigkeit heraus nach vorn zu bringen.

Bei diesem Vorhaben müssen wir uns hier in den Ostländern ganz besonderen Voraussetzungen stellen. Geht es in den alten Bundesländern vorrangig darum, die Älteren länger im Erwerbsleben zu halten und besser von ihren Erfahrungen zu profitieren, ist es bei uns das erste Ziel, jene aus der Lethargie herauszuholen, die schon mit Mitte 50 in den Ruhestand abgeschoben wurden und werden. Dies ist einer der strukturellen Punkte, in denen Deutschland auch nach zwei Jahrzehnten Einheit immer noch ganz klar geteilt ist. Auf diese verschiedenen Bedürfnisse gilt es besondere Rücksicht zu nehmen.

Was können wir also tun? Die Kultusministerkonferenz hat sich zuletzt intensiv mit frühkindlicher Bildung auseinander gesetzt. Hier gibt es mittlerweile einen Bildungsplan, der in den Einrichtungen zur Kleinkindbetreuung umgesetzt wird. Was immer noch fehlt, ist ein schlüssiges Konzept für die Erwachsenen- und Seniorenbildung. Die mitteldeutschen Länder Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen haben hier ganz klar ein gemeinsames Interesse, das sie auch gemeinsam verfolgen sollten. Bildung ist in Deutschland immer noch Länderhoheit. Nichts spricht aber gegen ein gemeinsames Konzept, wenn man gemeinsam vergleichbare Ziele erreichen will. Warum also nicht einmal Vorreiter sein? Die Situation ist prekär. Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen könnten eine gemeinsame Initiative zum Lebenslangen Lernen in den Blick nehmen, die die besonderen Altersstrukturen in unserer Region berücksichtigt.

Eine tragende Rolle könnten zum Beispiel die ehemaligen Zivildienstschulen spielen, von denen auch eine im thüringischen Sondershausen und eine im sächsischen Schleife steht. Mit der Aussetzung des Wehrdienstes zum 1. Juli 2011 wurden sie wie alle 17 im Bundesgebiet in Bildungszentren umbenannt und unterstehen der in Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben umbenannten Behörde. Die Bildungszentren sollen nun dem Bildungsauftrag im Rahmen des Bundesfreiwilligendienstgesetzes und des Freiwilligen Sozialen Jahr nachgehen.

Bundesfreiwilligendienst heißt für mich aber nicht nur: Freiwilligendienst von Schulabgängern im Rahmen der Berufsvorbereitung. Ich sehe hier auch einen Appell an die Älteren, sich zu engagieren. In den ehemaligen Zivildienstschulen könnte damit eine große gesellschaftliche Lücke  zumindest verkleinert werden. Senioren könnten helfen, das große Potenzial dieser Bildungszentren auszuschöpfen: Bildung anbieten ebenso wie an Bildung partizipieren. Die Frage ist: Sind sie bereit dazu?

Ich denke: Ja. – Erinnern wir uns an die Einsamkeit. Nichts gibt unserem Leben mehr Sinn als das Gefühl, gebraucht zu werden. Der ernsthaften Bitte um Unterstützung kann sich kaum jemand entziehen, weil Hilfe für andere immer auch einem selbst guttut. Genauso verhält es sich mit dem Lehren und Lernen. Lassen Sie uns die Einsamkeit bekämpfen, indem wir die Bedingungen für das Lernen im Alter verbessern.

Vielen Dank.

 

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