Michael Panse Reden zum Nachlesen

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Festrede zur feierlichen Auszeichnung Ehrenamtlicher der Volkssolidarität

Waltershausen, Schloß Tenneberg, 3. November 2011

Sehr geehrte Damen und Herren,

31.000 Mitglieder in der Volkssolidarität Thüringen und 4.400 Ehrenamtliche sind eine beeindruckende Zahl! Sie alle haben verdient ein Wort zu hören, welches heute oft fallen wird. Und es wird dennoch nicht oft genug gesagt worden sein. Dieses Wort heißt:

Danke!

Es ist das Symbol unserer Wertschätzung für das, was Sie, verehrte Anwesende, und was mit Ihnen 700.000 Thüringer tagtäglich und aus freien Stücken für das Wohl unserer Gesellschaft leisten. Viele Ehrenamtsveranstaltungen finden derzeit statt: Bei der AWO vor zwei Wochen in Erfurt, bei der Volkssolidarität beim Tag der Generationen am Sonntag in Gera, bei Parität am 1. Dezember in Neudietendorf, der Stadt Erfurt für 150 Ehrenamtliche am Samstag und bereits zum neunten Mal ehrte gestern Abend die CDU-Landtagsfraktion 90 Ehrenamtliche mit einer Feierstunde.

Dies war nicht immer so. Im Jahr 2001 war das „Internationale Jahr der Freiwilligen“, im Thüringer Landtag war dies ein wichtiges Thema. Frank-Michael Pietzsch, ihr Vorsitzender, war damals Sozialminister und ich Sozialpolitiker im Landtag. Eine Große Anfrage, die Ehrenamtsstudie und am Ende wurde die Thüringer Ehrenamtsstiftung auf den Weg gebracht und die heutige Tradition vieler Ehrenamtsveranstaltungen begründet.

Das sollte und soll heißen: Wir wissen um Ihren Beitrag. Wir wissen, dass er unbezahlbar ist. Und wir wissen, dass er unverzichtbar ist. Ohne Ehrenamt wäre jede Gesellschaft eine traurige.

Kennen Sie John Donne? Die wenigsten werden seinen Namen schon einmal gehört oder gelesen haben. Die meisten aber seinen bekanntesten Satz. John Donne war ein englischer Schriftsteller an der Wende zum 17. Jahrhundert. Er prägte die Aussage: „Niemand ist eine Insel ganz für sich.“  – Jeder ist Teil des Ganzen und auf jeden wirkt es auch zurück. Ich meine das nicht nur eindimensional. Dieser Satz hat viele Aspekte, genauso wie das Ehrenamt. Über drei möchte ich heute sprechen.

Betrachten wir das Ehrenamt – oder neudeutsch: bürgerschaftliches Engagement – von der sozialen Seite. Unsere Gesellschaften haben schon immer vom Ehrenamt gelebt. Schon immer heißt: In unserer gesamten abendländischen Tradition – sowohl in der klassisch europäischen als auch in der christlichen – ist der Beitrag des Einzelnen zum Allgemeinwohl unverzichtbarer Bestandteil eines sinnerfüllten Lebens einerseits und der funktionierenden Gemeinschaft andererseits.

Die Leistungen, die hier erbracht werden, lassen sich nicht professionalisieren. Denn sie geschehen häufig aus menschlichen Fähigkeiten und Bedürfnissen heraus, die sich nicht in Stellenprofile meißeln lassen: Intuition, Mitgefühl, Wohltätigkeit.

Ja: Niemand ist eine Insel. Die Rentnerin, die als Leih-Omi berufstätige Eltern bei der Betreuung ihrer Kinder unterstützt. Der Student, der in seiner Freizeit im Seniorenheim Vorlesen geht oder Senioren, die das gleiche in Kitas tun. Oder aber auch der Facharbeiter, der nach der Schicht noch zur abendfüllenden Sitzung in den Gemeinderat geht. Sie alle geben. Sie alle erhalten aber auch etwas zurück. Beides lässt sich nicht aufwiegen. Ganz zu schweigen davon, dass es nicht zu bezahlen wäre. Wissenschaftler haben einmal berechnet, dass die Arbeit von Freiwilligen in Deutschland etwa 1,5 Millionen Vollzeitbeschäftigungseinheiten entspricht. Das ist auch ein enormer Wirtschaftsfaktor.

Wir können froh und dankbar sein, dass Sie alle hier aus ganz anderen, menschlichen Motivationen heraus handeln. Menschen wollen sich einbringen. Befragungen haben ergeben, dass sich etwa jeder Zweite sehr gerne freiwillig engagieren würde. Tatsächlich aktiv wird in Thüringen etwa jeder Dritte. Das ist nicht wenig; aber weniger, als möglich wäre. In der Diskrepanz steckt ein Auftrag auch an die Politik: Die Rahmenbedingungen für den Einzelnen müssen verbessert werden – seit 2001 diskutieren wir dies und bringen vieles auf den Weg. Aber wir müssen uns weiter den Fragen stellen: Wie können wir Anreize schaffen, die pure Absicht zum freiwilligen Engagement in ein tatsächliches Ehrenamt umzusetzen? Wie können wir den Zugang zur Ehrenamtlichkeit erleichtern? Ich bin sicher, Sie alle hier haben aus eigener Erfahrung einige Ratschläge parat.

Sie sehen, es ist schwer, über das Ehrenamt zu sprechen, ohne dabei ins Politische zu kommen. Die Politik braucht das Ehrenamt. Menschen, die sich engagieren, sind interessiert an den politischen und gesellschaftlichen Strukturen. Menschen, die sich engagieren, tragen das System – weil sie nicht bloß fordern, sondern auch einbringen. Menschen, die sich engagieren, sind das einzige Mittel gegen die lähmende Verdrossenheit, die sich mehr und mehr breit macht bis in die Mitte der Gesellschaft, bis direkt unter uns. Verdrossenheit aber ist gefährlich, weil sie uns blind macht für das, was wir erreichen könnten, und zu schwach, um den kleinsten Schritt zu gehen. Verdrossenheit macht aus Akteuren Statisten. Unser Land, genauso wie die Europäische Union, braucht aber keine Statisten. Zu keiner Zeit. Doch in diesen Zeiten am wenigsten.

Deshalb begehen wir 2011 in Europa das Europäische Jahr der Freiwilligkeittätigkeit. Die Schwerpunkte für dieses Themenjahr sind simpel gesetzt: bürgerschaftliches Engagement fördern, Organisatoren unterstützen, Freiwilligentätigkeit anerkennen und die Menschen sensibilisieren für den Wert freiwilligen Engagements. Doch was so simpel klingt, ist nicht weniger als die Basis unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens. Das kann man nicht oft genug anerkennen, so wie wir es auch heute hier tun.

Denn: Niemand ist eine Insel. Auch unser Land nicht. Was anderen zustößt, wirkt auf uns zurück. Was wir leisten, kann nach außen strahlen. Die Bundesrepublik Deutschland ist in diesem Jahr mit der Einführung des Bundesfreiwilligendienstes einen großen Schritt zur Schaffung besserer Rahmenbedingungen für freiwilliges Engagement gegangen. Für mich als Beauftragter für das Zusammenleben der Generationen am Thüringer Ministerium für Soziales, Familie und Gesundheit heißt Bundesfreiwilligendienst aber nicht nur: Freiwilligendienst von Schulabgängern im Rahmen der Berufsorientierung. Das kommende Jahr hat die EU zum Jahr des aktiven Alterns und der Solidarität zwischen den Generationen ausgerufen, 2013 wird das Jahr der Bürgerinnen und Bürger folgen. Ich sehe hier auch einen Appell an die Älteren, sich zu engagieren. Und zwar über die Verbindlichkeit der geschaffenen Strukturen hinaus. Ob Schulabgänger, Hausfrau oder Rentner: Ziel unserer Arbeit muss es sein, die Begeisterung für freiwilliges Engagement nicht nur zu wecken, sondern auch zu halten und die Menschen in die einmal aufgebauten Strukturen weiter einzubinden. Hier gibt es viel zu tun. Aber genau hier sehe ich auch eine große Chance für das Zusammenleben der Generationen.

Womit wir bei dem dritten Aspekt des Ehrenamts wären, den ich heute ansprechen möchte, dem persönlichen.  Er liegt mir besonders am Herzen und er geht einher mit einem Thema, das – hoffentlich – jeden von uns betrifft: mit dem Alter bzw. dem Altern. Und einer ernsten Frage:

Was steht nach dem Berufsleben und woran sterben wir? –  Betrachten wir einmal nicht Krankheiten und Unfälle, bei denen heimtückische Krankheiten oder Unfälle Menschen verfrüht aus dem Leben reißen, so können wir hier in Mitteleuropa feststellen: Wir werden immer erfreulicherweise immer älter. Das Durchscnittsalter ist in Thüringen in den letzten 20 Jahren um 6 Jahre gestiegen! Hohe Standards in der Versorgung und ein Leben geschützt vor Krieg und Gewalt machen das genauso möglich wie der medizinische Fortschritt. Beinahe täglich finden wir neue Mittel gegen den körperlichen Verfall.

Sicher, unser Leben ist endlich. Aber woran sterben wir dann? –  Es ist leider ganz oft Einsamkeit. Es ist soziale wie geistige Vereinsamung. Nichts fürchten wir mehr, als im Alter allein zu sein. Nicht einmal die Armut. Und das zu Recht: Gegen die Vereinsamung im Alter hat unsere Gesellschaft noch kein Mittel gefunden. Im Grunde genommen hat sie sie sogar erst produziert. Dabei wäre es gar nicht so schwer, hier gegenzusteuern. Nichts schenkt uns mehr Bestätigung und damit auch geistige Gesundheit als eine sinnvolle Beschäftigung. Das Ehrenamt ist also nicht nur eine große Bereicherung für die Gesellschaft. Es kann auch eine große Bereicherung für jeden Einzelnen sein – gerade, wenn Familie fehlt. Der Kontakt zu anderen Menschen ist laut Freiwilligensurvey für Ehrenamtliche nicht umsonst der zweitwichtigste Grund, ihrem Ehrenamt nachzugehen – fast gleichauf mit der Möglichkeit, die Gesellschaft im Kleinen mitzugestalten.

Das Bild vom Altwerden als Ruhestand ist ein trügerisches. Wer rastet, der rostet, heißt es. Und wer ruht, dem gehen schnell die Perspektiven aus. Ohnehin haben sich die Begrifflichkeiten vom Alter längst verschoben. Mal ganz davon abgesehen, dass manch rüstige und geforderte Großmutter mit 63 agiler wirken kann als eine desillusionierte 36-jährige Langzeitarbeitslose nach einem Jahrzehnt voller Rückschläge: Was ist das Alter, wenn wir es objektiv betrachten wollen? Der Zeitraum des jungen Erwachsenenalters hat sich aus entwicklungspsychologischer Sicht heute auf bis etwa 45 Jahre ausgedehnt. Das mittlere Erwachsenenalter dauert bis etwa 65 Jahre. Erst danach wird überhaupt von Alter im ursprünglichen Sinne gesprochen. Von Betagtheit gar erst ab 75.

Gerade in diesem Jahrzehnt – zwischen 65 und 75 dem aktive Ruhe- bzw. Unruhestand – steckt großes und leider zu oft ungenutztes Potenzial nicht nur für den Einzelnen, sondern für die ganze Gesellschaft. In den ostdeutschen Bundesländern liegt der Anteil der Über-65-Jährigen heute bereits bei durchschnittlich 25 Prozent. In Regionen mit  starker Abwanderung junger Leute sogar noch höher. Wir können und dürfen es uns nicht leisten, diese große Gruppe auf einem weiteren Gebiet mit ihren Wünschen und Zielen allein zu lassen. Alter und Erfahrung sind eine gesellschaftliche Ressource, die man nicht verschenken sollte.

Die Volkssolidarität hat sich dem verschrieben. Neben der Betreuung von Menschen und dem Betrieb von sozialen Einrichtungen von Kitas bis zu  Pflegeeinrichtungen und Mehrgenerationenhäusern, bringt die Volkssolidarität Menschen zusammen. Auch das ist Ehrenamt. Wir müssen wieder mehr zueinander finden. Denn auch die freie Zuspitzung der Worte John Donnes trifft zu: Niemand will eine Insel sein. Natürlich liegt es an jedem selbst, sich zu engagieren und zu motivieren. Aber nicht jeder kann das. Nicht überall, wo ein Wille ist, findet sich auch ein Weg. Motivieren allein hilft also nichts, wenn die Rahmenbedingungen nicht einladend sind. Zu guten Rahmenbedingungen gehören natürlich leicht zugängliche Strukturen.

Zu guten Rahmenbedingungen gehört aber auch Anerkennung. Damit meine ich nicht die ganz persönliche Anerkennung, die Sie in Ihrem Ehrenamt immer wieder erfahren. Ich meine die gesellschaftliche. Diese wird Ihnen heute gezollt. Vielen Dank! Vielen Dank jedem von Ihnen genauso wie den 700.000 Thüringern und insbesondere den 4.400 Ehrenamtlichen der Volkssolidarität Thüringen, für die Sie stellvertretend hier sitzen!

 

 

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