Michael Panse Reden zum Nachlesen

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Rede zum 1. Treffen der Großelterndienste in Deutschland am 1. Juni 2012 in Erfurt

Sehr geehrte Damen und Herren,

vielen Dank dafür, dass Sie als die Vertreterinnen und Vertreter der Großelterndienste aus ganz Deutschland nach Erfurt zum ersten gemeinsamen Treffen gekommen sind. Der ausdrückliche Dank für die Initiative und die Organisation gebührt Frau Dr. Fuchs und ihrem Team von der LEG Thüringen.

Heute Vormittag begann die Tagung in der Thüringer Staatskanzlei. An diesem historischen Ort traf 1808 Gothe auf Napoleon und wenn Sie heute in Thüringen zu Gast sind, darf der Bezug zu Goethe natürlich nicht fehlen. Der Dichterfürst schrieb die „Wahlverwandtschaften“ ohne etwas von den Großelterndiensten zu wissen. Dieses Werk ist allerdings bei näherer Betrachtung kein sehr passender Bezug zu unserem Thema, denn es hat recht tragische Züge, wovon wir bei den Großelterndiensten ja nun nicht ausgehen. Beziehungen zwischen Großeltern und Enkeln sind im Gegenteil ja oft von einer besonderen Leichtigkeit und Fröhlichkeit geprägt. Und natürlich gibt es dafür auch bei Goethe einen Beleg. In „Dichtung und Wahrheit“ schildert Goethe Erziehungsprinzipien des Vaters und fährt fort: „Vor diesen didaktischen und pädagogischen Bedrängnissen flüchteten wir gewöhnlich zu den Großeltern.“ Für die heutige Zeit wünsche ich mir auch, dass Kinder immer noch zu Orten flüchten können, wo sie sich unabhängig von allen Forderungen, Erwartungen und Zielen elterlichen Strebens angenommen fühlen. Solche Orte können auch die durch Großelterndienste vermittelten freiwilligen Beziehungen sein.

Als Beauftragter für das Zusammenleben der Generationen habe ich das heutige Treffen gerne unterstützt, so wie ich das auch beim ersten Thüringer Netzwerktreffen vor einem Jahr getan habe. Es gehört ja zu meinem ausdrücklichem Aufgabenfeld Projekte zu befördern, die das Zusammenleben der Generationen betreffen. Wenn wir heute über Generationenbeziehungen sprechen, geht es inzwischen um mehr, als nur die bestehenden innerfamiliären Beziehungen. Der demografische Wandel bringt es mit sich, dass wir in vielen Städten bis zu 30 Prozent Alleinerziehende haben, viele Patchworkfamilien und zunehmend Kinder, welche ohne regelmäßigen Kontakt zu ihren leiblichen Großeltern aufwachsen. Zwei Drittel der 15 – 20-Jährigen haben keinen oder nur wenig Kontakt zu über 60-Jährigen. Zweifellos ist diese Situation denkbar ungeeignet Vorbehalte und Altersklischees abzubauen, ein positives Altersbild zu vermitteln oder das Verantwortungsgefühl füreinander zu stärken.

Auf der anderen Seite leben viele Seniorinnen und Senioren ohne eigene Enkel, entweder weil sie zu weit entfernt wohnen oder den gemeinsamen Haushalt bereits verlassen haben oder gar keine da sind. Ältere Menschen haben jedoch häufig den Wunsch sich weiter zu engagieren und soziale Netzwerke zu knüpfen.

Es gibt verschiedene Patenschaftsformen, die dabei in den Blick genommen werden können. Familienpatenschaften sind ein Modell, welches in einer Reihe von Ländern verfolgt wird. Lernpaten gibt es ebenso wie Jobpaten. Als diesen Formen ist gemeinsam, dass es dabei um Hilfeformen für Kinder und Familien geht, die in der Regel relativ kurzfristig angelegt sind. Um etwas Langfristigeres geht es bei den Großelterndiensten. Sie organisieren Wahlverwandtschaften, die für beide Seiten vorteilhaft sind. Ältere Menschen wollen und können Wissen und soziale Kompetenzen weitergeben. Sie wollen die Persönlichkeitsentwicklung von Kindern positiv beeinflussen und können ihnen eine zusätzliche vertrauenswürdige Bezugsperson sein. Zweifellos tun sie damit auch etwas gegen Alterseinsamkeit und können Erfüllung in der neuen Aufgabe finden.

Es gibt allerdings auch Grenzen für die Arbeit der Wahl- und Wunschgroßeltern. Sie können keine Sozialarbeiter sein, sie können und sollen Betreuungsangebote nicht ersetzen und sie können auch keine frühen Hilfen oder Hilfen zur Erziehung gemäß des Sozialgesetzbuches VIII bieten.

Es gibt Wünsche nach Unterstützung für die Großelterndienste, dies zeigte auch die heutige Tagung. Es geht den Großelterndiensten um Vernetzung – dazu wurde heute ein erster, wichtiger Schritt getan. Gerne werde ich als Generationenbeauftragter die Zusammenfassung der Tagungsergebnisse in gedruckter Form und deren Versand unterstützen. Es gibt den Wunsch nach Fortbildung und Qualifizierung für die Großeltern, ebenso wie für Familienpaten. In Thüringen haben wir zwei Stiftungen, die sich mit diesem Thema beschäftigen können. Sowohl die Thüringer Ehrenamtsstiftung, als auch die Stiftung Familiensinn sind für eine solche Aufgabe prädestiniert. Ich werde dies in Gesprächen mit den beiden Stiftungen anregen.

Es wurde zudem gefragt, wo Andockstellen für die Großelterndienste sein könnten. Ich sehe da sowohl die bestehenden Familienzentren, als auch die Mehrgenerationenhäuser sowie die Eltern- Kind-Zentren als Möglichkeiten. Der Bundesfreiwilligendienst (BFD) und der darin einzufügende Freiwilligendienst aller Generationen (FdaG) kann bei der Arbeit ebenso unterstützend wirken, wie örtliche Seniorenbeiräte.

Durch Großelterndienste und andere Patenschaftsformen kann ein Geflecht an Generationsbeziehungen entstehen, das dem nahe kommt, was das afrikanische Sprichwort ausdrückt: „Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind zu erziehen.“ Hintergrund dieses Sprichwortes ist für mich kein defizitärer Ansatz von Erziehung. In dem Sinne, dass einzelne Eltern oder Erzieher damit überfordert wären und die Last der Erziehung eines Kindes auf möglichst viele Schultern verteilt werden müsste, entweder auf ein ganzes Dorf oder auf eine Schar von  Erziehungsberechtigten, Kindergärtnern, Erziehern, Lehrern, Sonderpädagogen, Therapeuten, Sozialarbeitern und Beratern bei der Bekämpfung der verschiedensten diagnostizierten Defizite. Hintergrund ist vielmehr, dass um ein vollwertiges Mitglied einer Gesellschaft zu werden, ob nun in einer afrikanischen Dorfgemeinschaft oder andern Orts, sich ein Kind den ganzen Erfahrungsschatz dieses Sozialraums erschließen können sollte.

Eine Grunderkenntnis der neueren Neurobiologie lautet: Kinder kommen mit einer unglaublichen Lust am eigenen Entdecken und Gestalten zur Welt. Nie wieder ist ein Mensch so neugierig und so entdeckerfreudig, wie am Anfang seines Lebens. Unsere Aufgabe sollte es sein, dies am Leben zu erhalten und Kinder nicht durch Personen oder Umstände zu demotivieren und in Resignation zu treiben, sie nicht als ein Objekt der Betreuung und der verschiedensten Maßnahmen zu sehen.

Das sich entwickelnde Kind braucht Futter für sein Gehirn, und das beste Futter sind Beziehungen zu anderen Menschen, Beziehungen in denen es neue Seiten der Welt kennenlernt. Dieser andere Mensch kann ein Wahlverwandter sein, der dem Kind dabei hilft seine Potentiale und Anlagen entfalten zu können.

Ich wünsche Ihnen viel Erfolg bei ihrem Engagement und ich bitte Sie sehr herzlich, sprechen Sie darüber, wie viel Freude Ihnen dieses Engagement bei den Großelterndiensten macht. Dies kann und soll ausdrücklich ansteckend wirken bei Seniorinnen und Senioren, bei Freunden und Bekannten in Ihrem Umfeld.

 

 

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