Michael Panse Reden zum Nachlesen

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„Strategien zur Fachkräftegewinnung“

Rede beim 4. bpa-Pflegekongress 2012 (Landesgruppe Thüringen des Bundesverbandes privater Anbieter sozialer Dienste e.V.) 17. Oktober 2012

Sehr geehrte Frau Wolf, sehr geehrter Herr Engemann, sehr geehrte Damen und Herren,

bereits seit dem 1. Pflegekongress des bpa bin ich bei Ihnen zu Gast und auch in diesem Jahr gerne wieder mit einem Grußwort zu Ihnen gekommen. Als Landesbeauftragter für das Zusammenleben der Generationen bin ich im TMSFG nicht für den Bereich Pflege explizit zuständig, aber ich bin dem Thema Pflege seit vielen Jahren sehr verbunden.

Lassen Sie mich einige Ausführungen zur Demografie, zur Pflegesituation, zur Ausbildungssitutation und zu den gesellschaftlichen Veränderungen machen.

1. Demographische Rahmenbedingungen

Im Jahr 2050 wird sich nach den vorliegenden Bevölkerungsvorausberechnungen die Einwohnerzahl Thüringens im Vergleich zu 1950 annähernd halbiert haben (1950: 2.932.242, 2050: 1.538.200).

Im Jahr 2030 werden über ein Drittel der Thüringerinnen und Thüringer älter als 65 Jahre sein. Auf 100 Personen im erwerbsfähigen Alter zwischen 20 und 65 Jahren werden dann 70 Personen über 65 Jahre kommen. Im Jahr 2008 waren es noch nur 36 Personen über 65 Jahre. Etwas verkürzt und gerundet könnte man sagen, stehen jetzt 10 erwerbsfähigen 3 Rentner gegenüber – so werden es im Jahr 2030 in Thüringen 7 Rentner sein. Gestern hat der Thüringer Wirtschaftsminister in einem Zeitungsbeitrag davor gewarnt, mit demografischen Prognosen den Standort Thüringen schlecht zu reden. Er hat sich dabei u.a. auch auf falsche Prognosen zur Einwohnerzahl Erfurts und zum Wanderungssaldo bezogen. Fakt ist allerdings, dass die Entwicklung Erfurts zu Lasten des Umlandes geht und die Thüringer Zahlen insgesamt nicht voran bringt und dass leichte Verbesserungen im Wanderungssaldo die langanhaltend niedrige Geburtenrate in keinem Fall kompensieren können.

2. Auswirkungen der demografischen Entwicklung im Bereich der Pflege

Die Anzahl der Pflegebedürftigen steigt und der potentiellen Pflegekräfte sinkt. Die Wirkungen der Demografie werden nicht nur direkt, sondern auch indirekt sein. Laut der einschlägigen Prognosen wird mit steigenden Erwerbsquoten gerechnet. Reserven hierfür bestehen besonders bei Frauen. Diese werden dann allerdings nicht mehr für die private häusliche Pflege von Angehörigen zur Verfügung stehen können und so den Bedarf an professionellen Pflegefachkräften weiter erhöhen. Heute liegt die Zahl der Älteren und Hochaltrigen, die hilfe- und pflegebedürftig sind, in der Bundesrepublik Deutschland bei ca. 2,4 Millionen, im Jahr 2030 werden es über 3,3 Millionen Menschen sein. 1,2 bis 1,4 Millionen Menschen sind an Demenz erkrankt. Auch ihre Zahl wird deutlich zunehmen. Rund 1,2 Millionen Pflegebedürftige erhalten stationär oder ambulant regelmäßig Hilfe und Unterstützung durch professionelle Pflegekräfte.

Heute existieren 11.600 stationäre Pflegeeinrichtungen und 12.000 ambulante Dienste mit nahezu 900.000 Beschäftigten. Rund 200.000 Altenpflegerinnen und Altenpfleger arbeiten in der Altenpflege. 3. Zahlen für Thüringen: (leider ist der aktuellste verfügbare Stand vom Ende des Jahres 2009: 77.000 Menschen, die pflegebedürftig sind (3,4 v. H. der Bevölkerung), davon werden 56.500 Pflegebedürftige zu Hause betreut, 37.800 Menschen werden durch ihre Angehörigen gepflegt, 18.700 Menschen werden durch etwa 400 ambulante Pflegedienste betreut.

Die Pflege im häuslichen Bereich macht in Thüringen mit etwa 75 vom 100 den Hauptanteil der Pflege aus. 20.500 pflegebedürftige Menschen werden in Alten- und Pflegeheimen betreut. 4. Personal (ambulant und stationär) In den Pflegeeinrichtungen arbeiten 22.716 Personen, davon 7.351 (32 %) vollzeitbeschäftigt,12.932 (57 %) teilzeitbeschäftigt. Von diesem Personal sind 16.988 (74,8 %) unmittelbar im Bereich Pflege und Betreuung beschäftigt. Fachpersonal zu gewinnen wird als zunehmend schwierig geschildert. Eine der Konsequenzen: Im Jahr 2011 wurde für sieben Einrichtungen ein Aufnahmestopp ausgesprochen, da die vorgeschriebene Fachkraftquote von 50% unterschritten wurde.

Eine aktuelle Studie der Prognos AG mit dem Titel „Pflegelandschaft 2030“ prognostiziert bei unveränderten Rahmenbedingungen für das Jahr 2030 eine Pflegelücke in Höhe von 737.000 Personen. Bereits bis zum Jahr 2020 ergäbe sich eine Lücke in Höhe von 378.000 Pflegekräften. Was getan werden kann, um die Situation im Pflegebereich zu verbessern und den sich auftuenden Lücken vorzubeugen, darüber herrscht in der Diskussion zwischen Bund, Ländern und Trägern Einigkeit. Gestritten wird aber um die konkrete Umsetzung einzelner Schritte und besonders um deren Finanzierung.

3. Verbesserung der Ausbildungssituation

– Es müssen die Ausbildungsanstrengungen verstärkt und die Ausbildungskapazitäten bedarfsorientiert erhöht werden.

– Das Nachqualifizierungspotenzial muss besser erschlossen werden, u.a. in dem Aufstiegswege optimiert und die Anrechnung von Qualifikationen verbessert wird.

– Die Weiterbildung ist auf hohem Niveau zu sichern.

– Die Berufe der Alten-, Gesundheits- und Krankenpflege sollten zusammengeführt werden.

– Die Anerkennung im Ausland erworbener Qualifikationen im Pflegebereich ist zu verbessern.

– Hilfreich wären berufsorientierte Sprachkurse für ausländische Pflegekräfte und generell die Entwicklung einer Willkommenskultur.

– Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf bzw. Ausbildung in der Altenpflege bedarf unterstützender Maßnahmen.

– Es geht um attraktive Arbeitsbedingungen, einschließlich der Vergütung, in der Altenpflege, gestützt durch eine bessere gesellschaftliche Anerkennung und Wertschätzung.

4. Verweildauer im Pflegeberuf

Ein wünschenswertes Ergebnis des letzten Punktes wäre die Erweiterung der Berufsverweildauer der Pflegekräfte. Wir wissen, dass die durchschnittliche Verweilzeit von Altenpflegekräften derzeit bei lediglich etwa 8,4 Jahren liegt, wobei examinierte Kräfte mit 12,7 Jahren eine deutlich höhere Verweildauer aufweisen als nicht examinierte mit 7,9 Jahren. Krankenpflegehilfskräfte verweilen dagegen im Durchschnitt 7,5 Jahre im Beruf, die besser ausgebildeten Krankenschwestern 13,7 Jahre.

Auffällig dabei ist: Je besser die Ausbildung der Pflegekräfte, desto höher die Verweildauer. Auf all die genannten und weitere Maßnahmen wollen sich Bund, Länder und Kommunen, die Wohlfahrtsverbände, die Fach- und Berufsverbände der Altenpflege, die Bundesagentur für Arbeit, die Kostenträger und die Gewerkschaften im Rahmen der geplanten „Ausbildungs- und Qualifizierungsoffensive Altenpflege“ einigen. Ich hoffe und wünsche mir, dass es zügig zum gemeinsamen Beschluss dieser Offensive kommt.

5. Finanzierung drittes Ausbildungsjahr

Unter anderem auch um zu einer bundeseinheitlichen Regelung der Finanzierung des dritten Umschulungsjahres in der Pflege zu gelangen. Wie bekannt, hatte die Bundesagentur für Arbeit von 2009 bis 2010 im Rahmen des Konjunkturpaketes auch das dritte Ausbildungsjahr finanziert. Danach ist es allerdings leider nicht zur vorgesehenen einhelligen Übernahme der Kosten durch die Länder gekommen. Das dritte Jahr übernehmen einige Bundesländer wie Nordrhein-Westfalen, Hessen (voll) und Niedersachsen (nur Schulgeld). Die Bundesagentur für Arbeit soll erneut bis 2015 wieder dazu ermächtigt werden, die vollen drei Jahre zu finanzieren, die ein Arbeitsloser für eine Umschulung zum Alten- oder Krankenpfleger benötigt.

6. Aktuelle Diskussionthemen in der Pflege

In Thüringen stehen wir im Diskussionsprozess zu einem „Thüringer Pflegepakt“, der den bundesweiten Diskussionsprozess aufgreift und u.a. auch dabei helfen soll, der Abwanderung von Pflegefachkräften entgegenzuwirken. Damit junge mobile Pflegefachkräfte nicht nach Bayern oder Hessen, oder noch weiter in die Schweiz oder nach England abwandern, müssen wir auch dazu kommen, dass Thüringen bei der Vergütung von Pflegefachkräften in bundesweiten Vergleichen davon wegkommt, nur letzte oder vorletzte Plätze zu belegen und deutlich unter dem Bundesdurchschnitt zu liegen. Natürlich sind in manchen Gegenden Deutschlands wie z.B. in München die Lebenshaltungskosten und damit auch oft die Vergütungen höher, aber die niedrigeren  Lebenshaltungskosten in Thüringen können nicht alle Vergütungsunterschiede rechtfertigen.

Wenn wir es schaffen, zwar bedarfsgerecht auszubilden, die Fachkräfte dann aber abwandern, dann muss auch bei der Vergütung gegengesteuert werden. Zu den Rahmenbedingungen der Pflege gehört es auch, über eine neue Definition des Pflegebegriffes zu sprechen, wie er sich auch in der Diskussion zur Demenz abzeichnet. Pflege und Betreuung umfasst mehr als an Pflegebedürftigen zu verrichtende Aktivitäten. Sie kann nicht wie die Arbeitsschritte an einer Drehbank bei der Bearbeitung eines Werkstücks auf die Sekunde normiert werden.

7. Diskussion um den Begriff des Alters generell, Altersbilder, Altersdiskriminierung

Neben den bereits geschilderten aktuellen Punkten müssen wir u.a. einen hohen Anteil von Alleinlebenden im Alter (bei Frauen ab 65 Jahren sind es 45%) rgistrieren. Wir wissen Singularisierung führt zu Hospitalisierung. Mit steigender Anzahl Alleinlebender steigt die Zahl stationär zu Betreuender. Dem gilt es entgegenzuwirken (z.B. durch ehrenamtliches freiwilliges Engagement, Unterstützung von Mehrgenerationenhäusern). Alle Menschen, auch ältere, ob pflegebedürftig oder nicht, haben ein Anrecht auf bestmögliche Chancen zur gesellschaftlichen Teilhabe.

Allein zum letzten Themenkoplex könnten wir heute noch Stunden weiterdiskutieren und als Generationenbeauftragter würde ich dies auch leidenschaftlich gerne tun. Ich werde dies, wenn es gewünscht ist, gerne bei den nächsten Pflegekongressen mit dem bpa tun. Für heute wünsche ich der Tagung viel Erfolg! 

(Hintergrundinformation zum bpa: Der Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste e. V. (bpa) bildet mit mehr als 7.500 aktiven Mitgliedseinrichtungen (davon fast 200 in Thüringen) die größte Interessenvertretung privater Anbieter sozialer Dienstleistungen in Deutschland. Einrichtungen der ambulanten und (teil-) stationären Pflege, der Behindertenhilfe und der Kinder- und Jugendhilfe in privater Trägerschaft sind im bpa organisiert. Die Mitglieder des bpa tragen die Verantwortung für rund 230.000 Arbeitsplätze und ca. 17.700 Ausbildungsplätze. Das investierte Kapital liegt bei etwa 18,2 Milliarden Euro. Mit rund 3.700 Pflegediensten, die ca. 170.000 Patienten betreuen, und 3.800 stationären Pflegeeinrichtungen mit etwa 250.000 Plätzen vertritt der bpa mehr als jede vierte Pflegeeinrichtung bundesweit.)

 

 

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