Michael Panse Reden zum Nachlesen

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„Wer engagiert sich eigentlich im BFD? – Der Bundesfreiwilligendienst aus der Perspektive des Generationenbeauftragten“

Festvortrag von Michael Panse, Beauftragter der Thüringer Landesregierung für das Zusammenleben der Generationen, beim Festempfang für die Bundesfreiwilligen von Caritas und Diakonie am 16. Juni 2014

Sehr geehrte Damen und Herren,

das Motto des Bundesfreiwilligendienstes lautet:

„Nichts erfüllt mehr, als gebraucht zu werden.“

Dies ist ein gutes und richtig gewähltes Motto, um Menschen zu motivieren, einen Freiwilligendienst zu leisten.

Aber in den Räumen eines Klosters kann man auch darüber nachdenken, ob es nicht noch bessere Antworten auf die Frage geben könnte, was einen erfüllt.

Was ist zum Beispiel mit den Menschen, die wirklich ‑ aus welchen Gründen auch immer ‑ keine „Leistungen“ erbringen können – Kinder, Hochaltrige, kranke Menschen?

Für sie wäre natürlich die schönere Antwort:

„Nichts erfüllt einen mehr, als sich geliebt zu wissen.“

Oder vielleicht auch:

„Nichts erfüllt einen mehr, als sich geliebt zu wissen und Liebe weiter geben zu können.“

Hier im Augustinerkloster kann man auch an den Heiligen Augustinus erinnern, der gesagt hat:

„Geben in Liebe heißt nie verlieren; und wenn man Liebe nicht schenken könnte, wenn man sie nicht hätte, so hat man sie erst, wenn man sie schenkt.“

Auf heutigen Spruchkarten heißt dieser Gedanke etwas kürzer:

„Liebe ist das einzige was wächst, wenn man es verschenkt.“

Und Martin Luther, der hier als Augustinermönch lebte, sagte:

„Der Glaube bringt den Menschen zu Gott, die Liebe bringt ihn zu den Menschen.“

Nun ich will hier jetzt natürlich keine Predigt halten.

Worum es mir geht, als Beauftragter für das Zusammenleben der Generationen, ist die Frage, was lässt Menschen besser zusammen leben, was bringt Menschen zueinander?

Der Begriff der Liebe wird so vielfältig verwandt, dass er in die Rede eines staatlichen Beauftragten leider eher weniger passt. Darum will ich es eine Nummer kleiner nehmen und von Zuwendung sprechen. Eine Antwort ist für mich: Was Menschen besser zusammenleben lässt, ist, wenn sie sich einander zuwenden. Das sich einander zuwenden, geschieht nicht nur in Partnerschaften, nicht nur in Familien, sondern auch im ehrenamtlichen Engagement,

Der Bundesfreiwilligendienst ist ein großer Bereich des ehrenamtlichen Engagements. Zwar sind nicht alle Einsatzbereiche unmittelbar im Dienst direkt am Menschen, aber dennoch kommt man neu mit vielen anderen Menschen zusammen, macht neue Erfahrungen, leistet für die Gesellschaft insgesamt eine Aufgaben, wird aufgrund dieser Erfahrungen vielleicht auch über die Zeit des Bundesfreiwilligendienstes hinaus motiviert.

Die Bundesfreiwilligen finden Erfüllung in der ehrenamtlichen Zuwendung für und in der Zusammenarbeit mit anderen Menschen. Im Ländervergleich geschieht dies im Bundesfreiwilligendienst in Thüringen und in den anderen neuen Bundesländern intensiver, als in sonstigen ehrenamtlichen Engagementbereichen. Hier besteht in den neuen Bundesländern Nachholbedarf:

In den Freiwilligensurveys schneiden die neuen Länder, trotz positiver Entwicklungstendenz, bisher regelmäßig schlechter als die alten Bundesländer ab. Eine differenzierte Freiwilligenkultur kann sich nur langsam entwickeln. Hier scheint die DDR-Sozialisation, insbesondere die ausgeprägte Erwartungshaltung an den Obrigkeitsstaat, immer noch nachzuwirken.

Was sind das also nun für Menschen, die sich heute im Bundesfreiwilligendienst engagieren?

Ein kurzer Rückblick: Zum 1. Juli 2011 wurde der Wehrdienst ausgesetzt. Anerkannte Kriegsdienstverweigerer hatten einen Ersatzdienst, den Zivildienst zu leisten, der gleichfalls ausgesetzt wurde.

Der Zivildienst war rein männlich, die Freiwilligendienste waren weiblich dominiert.

Wie ist es heute im Bundesfreiwilligendienst? Unter 27 Jahren ist das Verhältnis 50:50, ab dem Alter von 27 Jahren ist der Bundesfreiwilligendienst zu 59 % weiblich.

Den 78.388 Einberufungen zum Zivildienst im Jahr 2010 entsprachen rund 37.000 gleichzeitig Dienstleistende. Um funktionierende Strukturen zu erhalten, ging das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) von einem Bedarf von rund 35.000 Bundesfreiwilligendienststellen aus.

Alle nach dem Zivildienstgesetz anerkannten Dienststellen und -plätze wurden automatisch als Einsatzstellen und Plätze des Bundesfreiwilligendienstes anerkannt.

Man war der Meinung, diese Platzzahl nur durch eine Altersöffnung erreichen zu können.

Und so ergeben sich drei wesentliche Unterschiede zum Zivildienst:

  • das Prinzip der Freiwilligkeit,
  • der Bundesfreiwilligendienst kann auch durch Frauen geleistet werden      und
  • er hat keine Altersgrenze.

Damit gibt es ein breiteres Zielspektrum. Der Bundesfreiwilligendienst richtet sich insbesondere an Menschen, die:

  • nach Schule oder Studium praktisch für andere Menschen tätig sein wollen,
  • Zeit bis zum Studien- oder Ausbildungsbeginn sinnvoll überbrücken möchten,
  • noch nicht genau wissen, in welche Richtung es beruflich gehen soll und neue Arbeitsgebiete kennen lernen möchten,
  • berufstätig sind, aber sich umorientieren möchten,
  • ohne Druck Arbeitserfahrung sammeln möchten, oder
  • sich nach dem Berufsleben für das Gemeinwohl engagieren möchten.

Im Januar 2014 hatte die Zahl der Bundesfreiwilligen einen Höchststand erreicht.

Bundesweit waren 49.263 BFDler im Einsatz und in Thüringen waren es 3.363.

Zudem gab es bundesweit rund 50.000 Teilnehmer in den Jugendfreiwilligendiensten, in Thüringen rund 1.000.

Der Bundesfreiwilligendienst weist deutliche Unterschiede in der Altersstruktur und in der generellen Beteiligung zwischen den neuen Ländern und den alten Bundesländern auf.

Nach einer Statistik in diesem Jahr waren 13% der Bundesfreiwilligen in Thüringen unter 27 Jahren und 87 % älter, in den alten Bundesländern waren demgegenüber 86 % jünger und nur 14 % älter.

Von den 3.363 Thüringer Bundesfreiwilligen zu Beginn des Jahres waren die 51 – 65 Jährigen mit 1.511 Bundesfreiwilligen die größte Gruppe. 109 Bundesfreiwillige waren älter als 65 Jahre.

Die älteren Bundesfreiwilligen haben auch ein deutlich stärkeres Interesse ihren Dienst zu verlängern, wenn dies möglich ist. Zu einem Stichtag im letzten Jahr waren es bei den Älteren 60,5%, während bei den Jüngeren nur 5.5% mehr als 12 Monate Dienst leisten wollten.

Eine Folge der unterschiedlichen Nachfrage in den Altersgruppen ist, dass rund ein Drittel der Bundesfreiwilligen in den neuen Bundesländern Dienst leistet, deren Bevölkerung nur etwa ein Sechstel der Gesamtbevölkerung umfasst.

In einer Untersuchung (Haß, Rabea und Beller, Annelie, (2013), Experiment Altersöffnung: Politische Ziele und nichtintendierte Folgen – empirische Befunde aus der Pionierphase des Bundesfreiwilligendienstes) wurden drei verschiedene Typen von älteren Freiwilligen herausgearbeitet:

Typ 1: BFD als Qualifizierung

BFD als Ausbildungs-, Orientierungsabschnitt (Freiwillige im Anerkennungsjahr oder anderer beruflicher Qualifizierung, ausländische Freiwillige).

Dieser Typ betont die Chancen des Dienstes. Hohe Erwartungen an den Dienst als „Sprungbrett“ für die berufliche Zukunft.

Typ 2: Alternative zu Erwerbsarbeit / MAE

BFD als Alternative zur Erwerbsarbeit (oft unmittelbar vorher in arbeitsmarktpolitischer Maßnahme gewesen).

Finanzieller Anreiz spielt wichtige Rolle, aber auch die gesellschaftliche Teilhabe. Häufig Verlängerung des Dienstes auf die Maximalzeit von 18 Monaten. Dieser Typ vergleicht sich stark mit den Hauptamtlichen in den Einsatzstellen, nicht mit den Ehrenamtlichen. Dies ist der häufigste Typ.

Wir haben es bei der Mehrheit der älteren Bundesfreiwilligen in den neuen Ländern offenkundig mit einer Personengruppe zu tun, die durch die massiven wirtschaftlichen Umstrukturierungsprozesse in den neuen Bundesländern seit 1989 gebrochene Erwerbsbiographien aufweisen und häufig leider nur noch geringe Chancen auf dem regulären Arbeitsmarkt haben. Von den unter 27jährigen kommen 77 % von der Schule. Bei den über 27jährigen waren 65% zuvor arbeitslos (51% ALG II, 10% ALG I, 4% kein ALG).

Typ 3: BFD als Sinnstifter

Der seltenste Typ. Meist im Ruhestand (älter als 65 Jahre). BFD als Möglichkeit zur sinnvollen Freizeitgestaltung. Dieser Typ betont die positiven individuellen Erfahrungen.

Gesetzlich geregelt und in der Praxis ausgestaltet sind Freiwilligendienste als Bildungsangebote. Alle Freiwilligen erhalten kostenlose Seminare. Im Bildungsbereich gibt es zwischen jüngeren und älteren Bundesfreiwilligen signifikante Unterschiede:

BFD unter 27           66% Abitur

BFD ab 27                22% Abitur.

Die besondere Schwierigkeit bei der Gestaltung von Bildungsangeboten für ältere Bundesfreiwillige liegt darin, dass wir es trotz ähnlicher Sozialisation und vergleichbaren Lebenserfahrungen dennoch mit einer recht heterogenen Zielgruppe zu tun haben. Träger können so vor der durchaus schwierigen Aufgabe stehen, Bildungsangebote zu entwickeln, in denen sich sowohl der funktionale Analphabet als auch der Diplomingenieur mit Leitungserfahrung wiederfinden.

Es wird spannend sein zu beobachten, ob es tatsächlich gelingt, in einem Maße zielgruppenspezifische Bildungsangebote zu entwickeln, die sowohl den differenzierten Bildungsinteressen der Freiwilligen entsprechen, als auch praktikabel umsetzbar sind.

BFD unter 27 ‑ häufigste Motivation:

50% Zeit zwischen Schule und Studium bzw. Ausbildung sinnvoll überbrücken,

36% persönlich weiterentwickeln

27% Neues erleben,

BFD ab 27 ‑ berichtete Erfahrungen:

94% gebraucht werden (Siehe Motto),

93% freie Zeit sinnvoll einsetzen,

daher auch hohe Zufriedenheit mit der Tätigkeit:

55% sehr zufrieden,

32% eher zufrieden,

Auch weit über 80% der älteren Bundesfreiwilligen würden den Freiwilligendienst anderen Menschen weiterempfehlen.

Aktuelle Diskussionspunkte sind u.a.:

die Absenkung der Wochenstundenzahl für Seniorinnen und Senioren unter 20 Stunden, z.B. durch Integration des Freiwilligendienstes aller Generationen (FDaG) in den BFD, die Kontingentierung der Gesamtstellenzahl bzw. Stellenverteilung, das Trägerprinzip, die pädagogische Begleitung und die arbeitsmarktpolitische Neutralität.

Aber trotz aller Diskussionen: Zu Beginn des BFD gab es viele Zweifel und starke Kritik, jedoch ist er in sehr kurzer Zeit zum Erfolgsmodell geworden.

Die beschriebene Situation für die neuen Bundesländer ist eine Momentaufnahme und wird sich in den nächsten Jahren sicher deutlich verändern. Die jetzigen Jahrgänge älterer Bundesfreiwilliger mit ihren besonderen Prägungen und Erfahrungen werden ins Rentenalter eintreten.

Bedingt durch die allgemeine demografische Entwicklung wird es weniger Jugendliche und junge Erwachsene geben, die zudem wegen bereits immer früher an sie herangetragenen Bildungs- und Beschäftigungsofferten geringeren Bedarf an Orientierungsmöglichkeiten und damit auch an Freiwilligendiensten haben könnten.

Das bedeutet, dass die Freiwilligendienste durch die Anstrengungen ihrer Träger weiter an Attraktivität gewinnen müssen und es sich nicht erlauben können, potentielle Freiwillige zu verprellen.

Sinnvoll sind sicher auch Maßnahmen, die dazu führen, dass alle Freiwilligen einen einheitlichen Status erhalten, dass die Rolle der Träger gestärkt wird und sich der Staat gemäß dem Subsidiaritätsprinzip aus Aufgaben zurückzieht, in denen er nicht erforderlich ist.

Hier wäre es, abhängig von der weiteren Entwicklung der Gesetzeslage – Stichwort theoretisch mögliche Wiederaufnahme des Wehrdienstes – und der damit verbundenen organisatorischen Implikationen im Bereich der Bundesverwaltung, sinnvoll für den Bereich des Bundesfreiwilligendienstes bereits so etwas wie eine staatliche Exit-Strategie, zumindest konzeptionell, vorzubereiten, ohne jedoch die nötige Förderung zurückzufahren.

Ziel sollte es sein, dass Freiwilligendienste für Jugendliche so anziehend werden, dass immer mehr Jugendliche eines Jahrgangs dort wertvolle Erfahrungen sammeln wollen und darüber hinaus zu weiterem bürgerschaftlichen Engagement nach ihrer Dienstzeit angeregt werden.

Zum heutigen Festempfang der Freiwilligen des Caritasverbandes für das Bistum Erfurt e.V. und des Diakonischen Werks Evangelischer Kirchen Mitteldeutschlands e.V. danke ich allen Freiwilligen für ihr wertvolles Engagement sehr herzlich. Sie tun etwas für unsere Gemeinschaft. Dafür gebührt ihnen Dank und Anerkennung.

 

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  1. “Nichts erfüllt so sehr, wie gebraucht zu werden” | Michael Panse, Ihr Stadtrat für Erfurt

    […] des Bundesfreiwilligendienstes habe ich heute beim Festempfang der Caritas und der Diakonie an den Anfang meines Festvortrags gestellt. Seit der Einführung des Bundesfreiwilligendienstes im Juli 2011 bin ich als […]

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