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Autonomieverlust und Teilhabegefährdungen – Diskriminierungsgefahren im Alltag von hochaltrigen Menschen

Fachtagung der Landesseniorenvertretung und des Landesseniorenrates „Der Alltag von hochaltrigen Menschen: Teilhabegefährdungen und –Chancen“

Sehr geehrte Damen und Herren,

die Veranstalter der heutigen Tagung haben mir als Beauftragten der Thüringer Landesregierung für das Zusammenleben der Generationen und gleichzeitigem Ansprechpartner der Thüringer Landesregierung für Antidiskriminierung ein Thema für meinen Redebeitrag gestellt, das diese beiden Bereiche zusammenbringt:

„Autonomieverlust und Teilhabegefährdungen – Diskriminierungsgefahren im Alltag von hochaltrigen Menschen“.

Hier ist sowohl der Begriff der Generation der Hochaltrigen als auch der der Diskriminierungsgefahr enthalten.

Aber gestatten Sie mir, dass ich im Zusammenhang mit dem Begriff des Autonomieverlustes noch einen weiteren Begriff anspreche, der mir im Zusammenhang mit dem Alter wichtig ist: Es ist der Begriff der Würde. Denn Autonomie und Würde sind nicht dasselbe, obwohl oft dieser Eindruck erweckt wird.

Ich denke, dass wir in der westlichen Welt zunehmend in der Gefahr stehen, ausgehend vom Ideal der Selbstverwirklichung des Individuums, den Begriff der Menschenwürde mehr oder weniger inhaltlich mit dem Begriff der persönlichen Autonomie gleichzusetzen. Es gibt jedoch traditionelle Kulturkreise in anderen Erdteilen, wo niemand auf die Idee käme, dass ein alter Mensch, der krank und schwach auf die Hilfe anderer angewiesen ist, etwa weniger Achtung und Ehrerbietung verdienen würde.

Wenn wir in unserer Leistungsgesellschaft die Würde eines Menschen tatsächlich gleichsetzten mit seiner Leistungsfähigkeit, hätte das fatale Konsequenzen. Dann erschiene uns ein Leben in Abhängigkeit und Unselbständigkeit als unwürdig und wenig lebenswert. Dann würden wir jenen Menschen, deren Fähigkeiten zur Wahrnehmung ihrer Selbstbestimmung eingeschränkt sind, die Würde absprechen.

Aber mit der Würde eines Menschen ist ja nun einmal jener unveräußerliche Anspruch auf Wertschätzung und Achtung gemeint, der dem Menschen einzig und allein durch sein Menschsein zukommt, völlig unabhängig von seinem körperlichen oder geistigen Zustand, seinen Leistungen oder seinem sozialen Status.

In Sonntagsreden würde dem kein zivilisierter Mensch widersprechen, aber handeln und denken auch alle Menschen im Umfeld von Hochaltrigen, wenn diese auf intensive Hilfe und Pflege angewiesen sind, wirklich immer so?

Menschenwürde heißt, dass alle Menschen unabhängig von irgendwelchen Unterscheidungsmerkmalen, denselben Wert haben. Als solche Unterscheidungsmerkmale, die als Grundlage für Diskriminierungen dienen können, werden im Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz, dem AGG, die ethnische Herkunft, das Geschlecht, die Religion oder Weltanschauung, eine Behinderung, das Alter oder die sexuelle Identität genannt.

Ich meine, wir müssen noch stärker lernen und verinnerlichen, dass nicht nur einerseits Diskriminierungen die Autonomie und Teilhabe von Personen einschränken können, sondern dass auch andererseits die unreflektierte Verwendung des Begriffs der Autonomie selbst als ein angebliches Unterscheidungsmerkmal wiederum zu Diskriminierungen führen kann, zum Beispiel von Hochaltrigen, die pflegebedürftig in ihrer Autonomie eingeschränkt sind.

Wir wissen, dass in Friedenszeiten, wie wir sie in unserem Teil Europas nun schon seit fast siebzig Jahre haben, von zehn Menschen nur einer einen plötzlichen Tod stirbt. Die Wahrscheinlichkeit, zu den neun anderen Personen zu gehören, die in einem gewissen Zeitraum zunehmend unselbständig und pflegebedürftig werden, erweist sich damit als relativ hoch. Es kann also nicht nur einzig und allein darum gehen, möglichst lang selbständig und autonom zu bleiben, sondern auch zu akzeptieren, dass Hilfsbedürftigkeit als integraler Bestandteil zum Menschsein und zur Menschenwürde gehört.

Für ein gutes Beispiel, wie die Beachtung der Würde Älterer reflektiert und zur gelebten Praxis werden kann, halte ich die Ethik-Cafés in den Altersheimen der Stadt Zürich. Dort treffen sich in regelmäßigen Abständen Pflegende, andere Mitarbeiter, Bewohner und Angehörige, um in einem offenen Austausch ethische Fragen zu diskutieren, die im Umgang mit pflegebedürftigen und alten Menschen auftreten.

Die 1999 verstorbene Psychologin und Gerontologin Margret Baltes hatte darauf hingewiesen, dass Unselbständigkeit im Alter verschiedene Dimensionen haben kann.

Sie kann zum Beispiel geistig, körperlich, ökonomisch, sozial oder emotional bedingt sein. Sie kann verstärkt werden, wenn die Umwelt weder fordernden noch anregenden Charakter hat. Durch eigentlich gut gemeinte Schutz- und Sicherheitsmaßnahmen wird Unselbständigkeit nicht selten verstärkt.

Margret Baltes hatte auch davor gewarnt, einzelne Dimensionen der Unselbständigkeit unzulässig zu verallgemeinern, zum Beispiel von körperlicher Unselbstständigkeit auf eine generelle Inkompetenz in allen Lebensbereichen zu schließen. Hier ist der Schritt vom Altersklischee zur Altersdiskriminierung schnell vollzogen.

Gleichzeitig zeigte Margret Baltes aber auch auf, dass Unselbständigkeit für manche auch einen Gewinn darstellen kann, indem sie intensivere Sozialkontakte ermöglicht, an denen es vorher gemangelt haben kann.

Wie sieht es generell mit den sozialen Kontakten im hohen Alter aus?

Wer in Thüringen 100 Jahre alt wird, und wer dem Einwohnermeldeamt die Weitergabe dieser Information und der Kontaktdaten nicht untersagt hat, bekommt auch ein Glückwunschschreiben aus der Staatskanzlei.

Im letzten Jahr gratulierte die Thüringer Ministerpräsidentin 135 Thüringerinnen und Thüringern zu ihrem 100. und zwei weiteren bereits zu ihrem 107. Geburtstag.

Wie viele Sozialkontakte diese Personen haben, wissen wir nicht. Aber von 52 weiteren Jubilaren steht fest, dass sie mindestens einen intensiveren Sozialkontakt haben müssen, denn 26 Ehepaare in Thüringen erhielten letztes Jahr Glückwünsche zu ihrer sogenannten Gnadenhochzeit, ihrem 70. Hochzeitstag.

Allerdings liegt heute im hohen Alter noch ein starkes Ungleichgewicht der Geschlechter vor. Von den 280 über 100-Jährigen, die in Thüringen gezählt wurden, sind 248 Frauen und nur 32 Männer. Und von den 13.445 über 100-Jährigen, die in Deutschland insgesamt gezählt wurden, sind 11.766 Frauen und nur 1.679 Männer.

Das Deutsche Zentrum für Altersfragen hat im Jahr 2011 die Familienstände der über 80-jährigen ermittelt. Bei den Ledigen und Geschiedenen gab es keine auffälligen Unterschiede. Bei den Männern waren 5 % ledig und 4 % geschieden, bei den Frauen 8 % ledig und 6 % geschieden. Ganz anders gestalten sich die Unterschiede bei den Verheirateten und Verwitweten. Bei den Männern waren 61 % verheiratet und 30 % verwitwet, bei den Frauen waren hingegen nur noch 22 % verheiratet und bereits 64 % verwitwet. Zwanzig Jahre zuvor, im Jahr 1991, lag die letzte Zahl noch höher, da waren nicht 64% der über 80-jährigen Frauen verwitwet, sondern 78 %. Insofern hätten sich inzwischen die Chancen auf Gnadenhochzeiten deutlich verbessert, wenn nicht höhere Scheidungsraten dem vielleicht wieder entgegen wirken.

Wenn Sie mich jetzt noch nach den Eheschließungen der über 80-Jährigen fragen würden, dann kann ich Ihnen dafür ebenfalls Zahlen nennen. Auch hier haben wir ein stark abweichendes Geschlechterverhältnis. Im Jahr 2010 waren es in der Bundesrepublik Deutschland immerhin 720 Männer, aber nur 128 Frauen, die noch einmal ihr Ja-Wort gaben. Die hochaltrigen Herren haben sich offenkundig mehrheitlich junge Damen unter 80 gesucht. Und vielleicht hat sich ja auch manche reifere Dame gefragt, ob sie sich das noch einmal antun will.

Aber Scherz beiseite, eine der besten Prophylaxen gegen manche Einschränkungen, die das Alter mit sich bringt und die Autonomie und Teilhabe gefährden, sind stabile und verlässliche soziale Beziehungen, möglichst nicht nur zu einem einzigen Partner, sondern zu mehreren Personen, ob nun in der Familie oder auch darüber hinaus. Da es die traditionelle Großfamilie nicht mehr bzw. zu selten gibt, in der Hochaltrige Unterstützung finden – von der manche Altersforscher allerdings auch sagen, dass deren Bild heute im Nachhinein etwas romantisch verklärt wird –, dann bedarf es anderer Möglichkeiten, um intergenerationelle Sozialkontakte zu unterstützen. Für ein gutes Modell halte ich hier die Mehrgenerationenhäuser, deren Arbeit ich in Thüringen intensiv begleite und unterstütze.

Bisher habe ich etwas zu den Themen Würde im Alter und Sozialkontakte im höheren Alter gesagt. Wie sieht es jetzt aber mit den Diskriminierungsgefährdungen im Alter konkret aus?

Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes ruft seit zwei Jahren jedes Jahr ein Themenjahr zu einem der sechs Diskriminierungstatbestände nach dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz aus. Sie geht dabei nach dem Alphabet vor. Dieses Jahr ist sie bei dem Buchstaben E  angelangt, E wie ethnische Herkunft. Für C und D gibt es keine Tatbestände. Letztes Jahr war man bei B, wie Behinderung. Und die Reihe startete vor zwei Jahren mit A, wie Altersdiskriminierung.

Im Rahmen dieses Themenjahres 2012 mit dem Titel „Im besten Alter. Immer“ hatte die Antidiskriminierungsstelle des Bundes eine Expertenkommission einberufen, die Handlungsempfehlungen zum Abbau von Altersdiskriminierung geben sollte. Die Expertenkommission wurde geleitet von Henning Scherf, dem ehemaligen Bürgermeister von Bremen. Die wissenschaftliche Leitung hatte Prof. Dr. Gerhard Naegele von der Technischen Universität Dortmund.

Die Handlungsempfehlungen sind in neun Punkte untergliedert. Die ersten fünf betreffen die Arbeitswelt und der sechste empfiehlt den Trägern zivilbürgerschaftlichen Engagements die vollständige Abschaffung von Altershöchstgrenzen. Die Punkte sieben bis neun befassen sich mit dem Gesundheits- und Pflegebereich.

Im Bereich Gesundheitswesen, Pflege und Sozialschutz legte die Kommission den Schwerpunkt auf alterstypische Probleme beim Zugang zu Sozial- und Gesundheitsleistungen.

Ausdrücklich wurde von ihr begrüßt, dass es in Deutschland keine vorgeschriebene Leistungsrationierung gibt. Aber dennoch wurde darauf hingewiesen, dass es in der Praxis durch implizite Rationierungen und Priorisierungen, verursacht durch Verwaltungshandeln und bestimmte Altersbilder bei den Beschäftigten in den Gesundheitsberufen zu Benachteiligungen aufgrund des Alters kommt.

So wurden als Beispiel Probleme beim Zugang zur Rehabilitation für von Pflegebedürftigkeit bedrohte Ältere genannt.

In der professionellen Pflege, die besonders die Hochaltrigen betrifft, wies die Kommission auf Benachteiligungen in der Praxis der Versorgung hin, deren Ursachen sie zum Teil in der „Teilkaskoabsicherung“ der deutschen Pflegeversicherung sieht.

Dabei wurde ausdrücklich das bisherige Pflegebedürftigkeitskonzept angesprochen, das zu sehr auf einzelne Verrichtungen bezogen ist.

 

Die Kommission empfahl, die bestehende Praxis, älteren wie jüngeren Menschen gleichermaßen den Zugang zu erforderlichen und bedarfsangemessenen Leistungen zu gewähren, unbedingt beizubehalten. Das heißt, solche Ideen, wie zum Beispiel die Einführung von Altersgrenzen für den Einsatz künstlicher Hüftgelenke, weiter strikt abzulehnen.

Die strukturellen Defizite in der geriatrischen Rehabilitation älterer Menschen sollten insbesondere durch bessere Anreize für die Gesetzliche Krankenversicherung sowie insgesamt durch eine stärkere Vernetzung der geriatrischen Rehabilitation mit der Pflegeversicherung abgebaut werden.

Die Kommission empfahl, ein finanzierbares Gesamtkonzept der gleichberechtigten Teilhabe und Inklusion pflegebedürftiger, behinderter und alter Menschen zu entwickeln, welches stärker an die Logik des SGB IX anknüpft.

Bei dessen Zielgruppe, den Menschen mit Behinderungen, wird auf gleichberechtigte gesellschaftliche und gemeinschaftliche Teilhabe und Inklusion abzielt. Ein Konzept, welches sich weniger an den Betreuungs- und Versorgungslogiken orientieren soll, die bisher im SGB XI bzw. im SGB XII, also bei Pflege und Sozialhilfe, vorherrschen. Die Sicherung bei Pflegebedürftigkeit sollte künftig auch unter dem Teilhabeaspekts organisiert werden.

Besonderen Wert legte die Kommission vor zwei Jahren auch auf die Einführung eines neuen Pflegebegriffs, wie man sich ihm jetzt annähert.

Sie empfahl von zwei Jahren ebenfalls bereits schon die Überarbeitung des Leistungsrechts der Pflegeversicherung, um falsche Leistungsanreize, die den stationären Bereich begünstigen, zu überwinden. Dabei sollte allerdings gewährleistet sein, dass das Niveau der Sachleistungen im ambulanten Bereich dem Niveau der Sachleistungen im stationären Bereich angeglichen wird.

Handlungsbedarf sah die Kommission auch bei angemessenen Personalschlüsseln in der Pflege, der Nachwuchsförderung, um dem drohenden Pflegepersonalnotstand zu begegnen und der Prüfung von Möglichkeiten einer verstärkten Zuwanderung von Fachkräften aus anderen Ländern.

Soweit die wesentlichen Aussagen der Empfehlungen der Scherf-Kommission zur Altersdiskriminierung, die auch Hochaltrige im Gesundheits- und Pflegebereich betreffen können. Ein großer Teil dieser Aussagen, insbesondere zur Pflege, sind sicher richtig und zu dick zu unterstreichen, haben allerdings mit Altersdiskriminierung im engeren Sinnen nur indirekt zu tun und könnten auch genauso gut in anderen Zusammenhängen ähnlich formuliert werden.

Laut Einsetzungsbeschluss sollte die Kommission nicht nur Empfehlungen zu Arbeitsleben und Arbeitsrecht inklusive bürgerschaftliches Engagement sowie zu Gesundheitswesen, Pflegebereich und Sozialschutz geben, sondern auch zum Finanz- und Versicherungswesen sowie zum Wohnungsmarkt. Davon hat die Kommission jedoch abgesehen.

Allerdings möchte ich einige Punkte aus diesem Bereich dennoch kurz ansprechen.

Nehmen wir das Versicherungswesen. Ein 75-jähriger Mann wandte sich an die Altersdiskriminierungsstelle des Bundes, weil seine Versicherung ihm den Unfallversicherungsvertrag gekündigt hatte verbunden mit dem Hinweis, der Vertrag könne aber auch weiterbestehen, wenn er der Erhöhung seines Beitrages um ca. 200 Euro zustimmt.

Die Altersdiskriminierungsstelle konnte ihm nur empfehlen, sich an den Versicherungsombudsmann zu wenden, musste ihm aber auch mitteilen, dass Versicherungsunternehmen grundsätzlich nach der geltenden Rechtslage unter bestimmten Voraussetzungen individuelle, mit dem Alter verbundene Risiken geltend machen können.

Schauen wir zum Finanzwesen. Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz gilt im Arbeits- und im Zivilrecht. Der zivilrechtliche Schutz vor Diskriminierung gilt grundsätzlich aber nur für sogenannte Massengeschäfte, also Alltagsgeschäfte, die ohne Ansehen der Person abgeschlossen werden. Eine Kreditvergabe, bei der man sich in der Bonitätsprüfung die Person und deren Verhältnisse sehr genau anschaut, ist demzufolge kein Massen- oder Alltagsgeschäft.

An die Altersdiskriminierungsstelle des Bundes haben sich wiederholt ältere Menschen gewandt, denen ihre Hausbanken kein Hypothekendarlehen gewähren wollten, selbst wenn sie eine schuldenfreie Immobilie besaßen. Andere berichteten, dass ihnen aufgrund ihres Alters ihr Dispokredit gekündigt wurde. In aller Regel konnten die Probleme der Beschwerdeführer jedoch zu ihrer Zufriedenheit mit der bisherigen Hausbank oder durch einen Wechsel zu einem anderen Kreditinstitut geklärt werden. Manchmal reichte schon der Hinweis, sich an die Altersdiskriminierungsstelle wenden zu wollen, um ein Einlenken zu erreichen.

Wenn wir über Autonomieverlust älterer Menschen und die Gefahren der Altersdiskriminierung reden, so muss in diesem Zusammenhang auch die Reduzierung personengestützter Dienstleistungen in Sparkassen und Banken erwähnt werden. Viele ältere, aber auch viele behinderte Menschen sind bei der Regelung ihrer finanziellen Angelegenheiten auf die Hilfe von Mitarbeitern in gut erreichbaren Bank- oder Sparkassenfilialen angewiesen. Das Ausdünnen des Filialnetzes, die Personalreduzierung und die mehr oder weniger stillschweigende Erwartung, dass die Kunden entweder die aufgestellten Automaten nutzen oder ihre Transaktionen online im Internet erledigen, stellt viele Ältere und ganz besonders die Hochaltrigen, welche in ihrem Arbeitsleben keinen Kontakt mit solcher Technik hatten, vor erhebliche Probleme.

In der Bedienung noch schwerer zu handhaben als Bankautomaten sind die Ticket-Automaten der Deutschen Bahn und manche Fahrkartenautomaten von Nahverkehrsgesellschaften. Je vielfältiger die Möglichkeiten, umso schwieriger wird es, sich schnell in den tief gestaffelten Bedien-Menüs zurecht zu finden, erst recht, wenn einem dabei weitere Wartende über die Schulter schauen. Das treibt auch Jüngeren den Schweiß auf die Stirn. Die vielen Klagen, aber auch die schon bekannten guten Beispiele hier zu helfen, haben mich veranlasst, darüber mit dem Konzernbevollmächtigten der Deutschen Bahn in Thüringen und Vertretern des Thüringer Verkehrsministeriums zu reden. Im Ergebnis bieten extra dafür geschulte Mitarbeiter der Bahn überall in Thüringen entsprechende Beratung vor Ort an, um mit dieser Technik souveräner umzugehen. Voraussetzung dafür sind lokale Ansprechpartner, die dafür sorgen, dass ein Interessentenkreis einer gewissen Größe zustande kommt. Lediglich eine Ankündigung in der Lokalpresse hat sich als nicht ausreichend erwiesen. Wer an einer solchen Veranstaltung teilnimmt, lernt aus meiner Sicht nicht nur etwas für sich selbst, sondern kann auch anderen kompetenter helfen. Hier könnte ein sogenannter Multiplikatoreneffekt eintreten. Das kann so weit gehen, dass man ein sogenannter ehrenamtlicher Mobilitätsberater wird, wie sie zum Beispiel am Mehrgenerationenhaus Roßleben im Rahmen eines Projektes tätig sind.

Aber für Hochaltrige muss Technik nicht nur „Teufelszeug“ sein, dass einem das Leben schwer macht, sondern es gibt auch durchaus sehr hilfreiche Technik zur Unterstützung eines selbständigen Lebens, und hier meine ich mehr als den Rollator oder den Rollstuhl.

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung rief aus diesem Grund im letzten Jahr die Initiative „Senioren-Technik-Botschafter“ ins Leben, in welcher  Ältere technisches Wissen und Informationen zu hilfreicher Technik zielgruppengerecht und niederschwellig an andere Ältere vermitteln.

Ein weiteres gegenwärtig laufendes Projekt des Bundesministeriums für Bildung und Forschung heißt „Besser leben im Alter durch Technik“, in dessen Rahmen der Aufbau von kommunalen Beratungsstellen und einer Referenzdatenbank gefördert wird. Von den 22 bisher deutschlandweit eingerichteten kommunalen Beratungsstellen befindet sich eine in Jena. Am 23. September war dort die „Rollende Ausstellung“ für technikgestützte Assistenzsysteme vor Ort zu Besuch. Eine „mobile“ Wohnung ist dafür mit bestehenden Assistenzsystemen eingerichtet worden, um anschaulich die verschiedenen Anwendungs- und Einsatzmöglichkeiten in der Praxis demonstrieren zu können. Allerdings muss man nicht unbedingt Seniorentage veranstalten und sich dieses Fahrzeug anfordern, um an diese Informationen zu gelangen. Unter der Interadresse www.wegweiseralterundtechnik.de gibt es die Rubrik „Musterwohnung“, in der man virtuell durch diese Wohnung spazieren kann und sich so unter anderem über sprachgesteuerte Lichtschalter, Sensormatten und ähnliches informieren kann.

Aber wenn man sich diese Technikangebote näher anschaut, sieht man, dass sie bei aller Nützlichkeit für dieses und jenes Problem naheliegenderweise recht defensiven Charakter haben, schließlich sollen sie ja eintretende Defizite ausgleichen.

Bei manchen Neuerungen gewinnt man sogar den Eindruck, dass der Nutzen der Technik nicht für den zu Betreuenden sondern für den Betreuer am höchsten ist, kann doch durch sie offenkundig der „Kontrollaufwand“ deutlich reduziert werden. Natürlich kann es hilfreich sein, wenn man einen dementen Hochaltrigen vor Selbstgefährdungen schützt, ihn am orientierungslosen Weglaufen hindert oder ihn Fall des Falles schnell finden kann, aber uns sollte dennoch die persönliche menschliche Zuwendung wichtiger und wertvoller sein, als allzu sehr auf die Technik zu setzen.

Und uns sollte besonders interessieren, was man schon viel eher tun kann, um Hochaltrigen ein gutes, selbstbestimmtes und diskriminierungsfreies Leben zu ermöglichen. Entscheidend dafür sind Ansätze, die im sozialen Nahraum, in der Kommune vor Ort es den Älteren ermöglichen ihr Leben aktiv gestalten zu können, am gesellschaftlichen Leben ihren Wünschen und Möglichkeiten gemäß teilzuhaben.

Wie dies geschehen kann, dafür hat unter anderem das Bundes-Programm „Aktiv im Alter“ in den Jahren 2008 bis 2010 Beispiele aufgezeigt.

In der zugehörigen Broschüre „Kommune gemeinsam gestalten – Handlungsansätze zur Beteiligung Älterer vor Ort“ können Sie nachlesen, welche Ansätze dafür konkret vor Ort gefunden wurden.

Leitlinie für das Programm war das Memorandum „Mitgestalten und Mitentscheiden – ältere Menschen in Kommunen“, welches unter Federführung der Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen (BAGSO) erarbeitet wurde. Dort heißt es in der Präambel:

„Seniorinnen und Senioren sind in immer stärkerem Maße daran interessiert, das Gemeinwesen mitzugestalten, und sind bereit, Verantwortung gegenüber der eigenen sowie den nachwachsenden Generationen zu übernehmen. Die Potenziale der Älteren sind für die Gesellschaft ein Gewinn, denn mit dem Altern steigen Lebenserfahrung und Vielfalt des Wissens. Vorstellungen, die das Alter vorrangig als Belastung sehen, steht das bereits von vielen Menschen verwirklichte Modell eines aktiven und engagierten Alters entgegen. Engagement braucht Partizipation und Partizipation schafft Engagement. Viele Ältere wünschen sich, in Planungs- und Entscheidungsprozesse einbezogen zu werden.“ [Zitatende]

In diesem Papier wird im Punkt IV „Handlungsperspektiven“ unter anderem auch die Bedeutung von Seniorenvertretungen hervorgehoben. Im Thüringer Koalitionsvertrag von CDU und SPD im Jahr 2009 wurde festgelegt, dass die Seniorenmitbestimmung durch eine weitergehende gesetzliche Regelung gestärkt werden sollte. Daraufhin entstand das Thüringer Seniorenmitwirkungsgesetz im Mai 2012.

Der dort fixierte Landesseniorenrat hat sich vor einem Jahr, am 11. September 2013, konstituiert.

Im jüngst veröffentlichen ersten Thüringer Seniorenbericht haben zu dem Punkt „Senioren haben in meiner Region ausreichende Möglichkeiten, die Interessen ihrer Generation einzubringen (z.B. durch Seniorenrat)“ mit 40,6 % der Befragten die größte Gruppe nur teilweise zugestimmt, 33,5 % eher ihre Zweifel und 25,9 % eher Zustimmung signalisiert. An diesem Punkt und generell im Feld „Gesellschaftliches Engagement und generationenübergreifende Partizipation“ bleibt also noch einiges zu tun, um hier eine größere Zufriedenheit der Senioren zu erreichen.

Am Ende meines Beitrages angelangt, möchte ich noch einmal zusammenfassen: Gegen Diskriminierungsgefährdungen hochaltriger Menschen helfen verbesserte Möglichkeiten, sich autonom in das gesellschaftliche Leben einzubringen, es mitzugestalten und daran teilzuhaben, helfen intensivere, auch generationsübergreifende Kontakte. Technische Hilfsmittel können hilfreich sein gegen den Verlust von Autonomie. Am wirksamsten vor Diskriminierung schützt aber das Bewusstsein, dass Menschenwürde etwas ist, das keinem Menschen abgesprochen werden kann und darf, völlig gleichgültig gegenüber demjenigen, was andere ihm an Eigenschaften und Merkmalen zuschreiben oder absprechen.

 

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  1. Mobil bis 99 und darüber hinaus | Michael Panse, Ihr Stadtrat für Erfurt

    […] Vortrag bei der Seniorentagung […]

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