Michael Panse Reden zum Nachlesen

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„Die Herausforderungen des demografischen Wandels an die evangelische Bildungslandschaft“

Grußwort beim Bildungskonvent der EKM, Mittwoch, 12. November 2014, 09.00 Uhr, Augustinerkloster Erfurt

Sehr geehrte Damen und Herren,

evangelische Kirche und Bildung haben schon seit Beginn einen engen Zusammenhang.

Als Martin Luther hier ins Augustinerkloster eintrat, hatte er seine erste Bildungskarriere in Erfurt schon hinter sich. Und ohne sein vorheriges Jura-Studium hätte ihn vielleicht als Mönch die Schuldfrage nicht so umgetrieben.

Wenn Juristen etwas lernen, dann ist es ja möglichst viele Probleme zu sehen, wo andere Menschen eher keine vermuten.

Der gebildete Jurist Luther quälte sich stärker als andere mit der Schuld, mit der Frage, wie er als sündiger Mensch Gnade vor dem göttlichen Richter finden könne.

Sein Beichtvater Johann von Staupitz schickte ihn als Therapie für sein Problem zum Theologiestudium nach Wittenberg. Und sein Studienergebnis des Römerbriefs war, dass man sich einen gnädigen Gott nicht erkaufen kann, weder durch Selbstgeißelung noch durch Ablassbriefe, sondern nur durch gläubiges Annehmen des Geschenks der göttlichen Gnade. Eine Bibelinterpretation, die zum Bruch mit der damaligen katholischen Kirche führte.

So gesehen wäre die Reformation in Deutschland die direkte Folge der zwei Bildungskarrieren Martin Luthers, sowohl als Jurist und als auch als Theologe.

Der hohe Wert der Bildung begründet sich bei Luther nicht allein aus der eigenen Lebensgeschichte, sondern auch theologisch. Wer vom Priesteramt aller Gläubigen spricht, der muss die Bibel allen zugänglich machen. Dann dürfen nicht nur Knaben in Klosterschulen Lesen lernen, sondern Jungen und Mädchen, Männer und Frauen egal welchen Standes. Sein Mitstreiter Philipp Melanchthon hat dafür viel getan.

Und Luther bekannte: „Wenn es Gott gefiele, mich meiner Aufgaben als Pastor zu entheben, gäbe es für mich auf Erden keine Aufgabe, die ich lieber erfüllen würde als diejenige eines Schulmeisters, denn nach dem Amt des Pastors gibt es kein schöneres Amt als das seine.“ Ob das heute alle Pfarrer unterschreiben würden?

Die Reformatoren hielten es für eine Christenpflicht, für eine gute Bildung aller Kinder zu sorgen. Sie hätten es sich wohl kaum träumen lassen, dass fünfhundert Jahre später eine gute Bildung scheinbar Kinder verhindert.

Führt etwa die höhere Bildung der modernen Frauen zu unseren heutigen demografischen Problemen?

Schaut man sich die Kinderzahlen von Frauen über 40 – die mit dem Thema Familienplanung überwiegend abgeschlossen haben – in den alten Bundesländern näher an, so sind sie umso geringer, je höher der Bildungsstand ist.

26 Prozent der Frauen mit hoher Bildung in dieser Gruppe haben gar keine Kinder.

Schaut man auf die noch vorhandenen Ost-West-Unterschiede, so kann der Bildungsgrad allein allerdings nicht der ausschlaggebende Grund sein.

Aber auch die bevölkerungspolitischen Maßnahmen der DDR, zum Beispiel die Möglichkeit den sogenannten Ehekredit „abzukindern“, haben die Schrumpfung der Bevölkerung nicht aufgehalten.

Woran kann das liegen? Fragen wir umgekehrt nach Kinderreichtum und nicht nach Kindermangel, so ist die Antwort einfach. Weltweit die meisten Kinder bekommt nach Auskunft der letzten Statistik eine Frau in der afrikanischen Republik Niger, im Durchschnitt sind es 7. Eine Erklärung für diesen Kinderreichtum ist, dass Kinder in solchen Ländern Teil der persönlichen Daseinsfürsorge sind. Wo es keine Rentenversicherung oder ähnliches gibt, tragen die Kinder ihre Eltern in der familiären Solidargemeinschaft.

Am Anfang des Rückgangs der Kinderzahlen in Deutschland standen die Bismarck´schen Rentenreformen von 1889. Die letzte deutsche Elterngeneration, die sich komplett reproduzierte, wurde 1880 geboren. Das heißt, bereits vor dem 1. Weltkrieg war in Deutschland Schluss mit einer die Reproduktion sichernden Geburtenquote von 2,1 oder gar mehr.

In Thüringen wird sich nach den vorliegenden Bevölkerungsvorausberechnungen die Einwohnerzahl in der Zeitspanne von 1950 bis 2050 annähernd halbieren. Waren es 1950 in Thüringen noch knapp 3 Millionen Einwohner, exakt 2.932.242, so wird heute für das Jahr 2050 mit 1.538.200 Einwohnern in Thüringen gerechnet.

Allein bis zum Jahr 2030 wird Thüringen rund 400.000 weitere Einwohner verlieren, ein Minus von 18 %.

Aber es ist nicht allein der Bevölkerungsrückgang, der Probleme bereitet, sondern auch die Verschiebung in der Altersstruktur.

Erfreulicherweise werden die Thüringerinnen und Thüringer immer älter.

Vom Jahr 1990 bis zum Jahr 2010 erhöhte sich das Durchschnittsalter in Thüringen um rund 8 Jahre.

Ende des 19. Jahrhunderts lag der Anteil der über 65-Jährigen in Deutschland bei 6 Prozent der Bevölkerung.

Am 31. Dezember 2011 waren 23 Prozent der Thüringer, also über 500.000 Personen, älter als 65 Jahre.

Bis zum Jahr 2030 wird der Anteil auf 37 Prozent steigen. Es werden dann mehr als 650.000 Thüringer älter als 65 Jahre sein.

Die Zahl der über 80-Jährigen wird von rund 125.000 auf mehr als 189.000 steigen.

Heute leben in Deutschland über 14.000 Menschen, die 100 Jahre und älter sind, davon rund 280 in Thüringen.

Die Zahl der über 100-Jährigen hat sich in den letzten 30 Jahren in Deutschland etwa verzehnfacht.

Im letzten Jahr gratulierte die Thüringer Ministerpräsidentin 135 Thüringerinnen und Thüringern zu ihrem 100. und zwei weiteren bereits zu ihrem 107. Geburtstag.

Dieser hohe Anteil älterer Menschen wirft natürlich Fragen nach der Zukunft der Pflege auf. Bei den unter 75-Jährigen sind unter 4 % an einer Demenz erkrankt, bei den über 90-Jährigen aber bereits ca. 41 %.

Aber auch die schmale junge Generation ist nicht ohne Probleme. Wo können sich heute Kinder und Jugendliche einander noch alltäglich begegnen außerhalb normierter Zusammenhänge und frei von Erwachsenen?

Die Möglichkeiten für Interaktionserfahrungen und soziale Lerngelegenheiten mit Peers, mit Gleichaltrigen, sinken.

Es sinken auch die Akzeptanz und das Verständnis für kindlichen Bewegungsdrang und Kinderlärm im öffentlichen Raum. Damit sind wir auch bei der Frage, wie wirkt sich eine unterjüngte Gesellschaft, überaltert lehne ich als Begriff ab, auf die Gestimmtheit einer Bevölkerung, auf ihren Elan, auf ihre Zukunftshoffnungen und damit auch auf ihre Bildungsziele aus.

Wenn Kinder zu einem „knappem Gut“ werden, steigen dann nicht die Gefahren der Überbehütung und „Infantilisierung“?

Bei der heranwachsenden Generation werfen die Verschiebungen in der schicht- und migrationsspezifischen Zusammensetzung ebenfalls Fragen auf.

So beträgt heute der Anteil der Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund in Stuttgart 39,0 Prozent. Deutschlandweit hat mehr als ein Drittel der Kinder im Vorschulalter einen Migrationshintergrund. Viele von ihnen beherrschen zur Einschulung die deutsche Sprache nicht ausreichend. Das kann in der Konsequenz zu solchen Fällen führen, wie im vergangenen Jahr in Berlin-Neukölln, als drei Familien mit Migrationshintergrund gegen die schlechte Noten ihrer Kinder vor Gericht gezogen sind. Schuld sei der zu hohe Anteil von Migranten in ihrer Klasse.

Solche Probleme gibt es in Thüringen erst in Ansätzen in den größeren Städten.

Ein allgemeines Thüringer Problem ist aber bereits die regional ganz unterschiedliche Entwicklung der Zahl der künftigen Kita-Kinder, der Schüler und der Auszubildenden.

Um Schulschließungen zu vermeiden, gab es Bestrebungen, kleine Grundschulen mit jahrgangsübergreifenden Klassen einzurichten. International ist dieses Modell weit verbreitet und hat sich bewährt, da es auch bei niedriger Siedlungsdichte ein wohnortnahes Angebot ermöglicht. In Deutschland sind kleine Grundschulen – sogenannte Zwergschulen – jedoch schon fast verschwunden, weil sie von der Mehrheit der Eltern und Lehrer nicht akzeptiert werden. Das hat dazu geführt, dass seit 1995 in den ostdeutschen Ländern bis zu 40 Prozent der Grundschulen geschlossen wurden. Oft sind lange Schulbusfahrten die Folge.

Kein Wunder, dass es junge Frauen in die Städte zieht, wenn sie ihren Kindern das nicht zumuten möchten.

Demografie, Bildung, junge Frauen und ländlicher Raum sind noch aus einem anderen Grund ein Thema.

Zwischen 1999 und 2004 haben 31 Prozent aller jungen Frauen in den neuen Bundesländern die Schule mit dem Abitur verlassen, bei den jungen Männern waren es nur 21 Prozent. Die besseren Bildungsabschlüsse junger Frauen verstärken die Tendenz den ländlichen Raum zu verlassen. Das führt dazu, dass zum Beispiel im Jahr 2011 im Landkreis Demmin und im Landkreis Elbe-Elster auf 100 junge Frauen im Alter von 18 bis 29 Jahren jeweils 128 Männer dieses Alters kamen. Mit anderen Worten, in solchen Regionen kann über ein Fünftel der jungen Männer davon ausgehen vor Ort keine Ehefrau zu finden und keine Familie gründen zu können, mit allen weiteren und nicht nur demografischen Folgen, die das hat.

Demografischer Wandel und Bildung – was bedeutet das für die ältere Generation?

Im Berufsleben bedeutet es, dass die Zeiten der Frühverrentung vorbei sind. Vielmehr besteht ein stärkeres Interesse ältere Berufstätige nachzuqualifizieren, um dem Fachkräftemangel zu begegnen. Es bedeutet, älteren Arbeitslosen durch Qualifizierung doch noch Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu ermöglichen.

Eine wichtige Aufgabe für Bildungsträger ist es auch – nicht nur allein mit Blick auf den Arbeitsmarkt – dafür zu sorgen, dass es in nicht dabei bleibt, dass in Deutschland mehr als 14 Prozent der potentiell Erwerbsfähigen funktionale Analphabeten sind.

Demografischer Wandel und Bildung bedeutet im Rentenalter, dass die Anzahl der Nachfragenden nach Erwachsenenbildung steigt. Vor drei Wochen konnte ich das sehr anschaulich im Lutherhaus in Jena erleben. Die dortige Bildungsarbeit in der nachberuflichen Lebensphase mit seinem Mittwochkreis hatte mich zu einem Vortrag eingeladen. Ich traf mit über hundert Teilnehmern ein sehr interessiertes und diskussionsfreudiges Publikum.

Ich fasse kurz zusammen, was ich bisher dazu ausgeführt habe, vor welche Herausforderungen uns der demografische Wandel – auch im Bereich der Bildung – stellt.

Da sind nicht nur der Rückgang der Bevölkerung in absoluten Zahlen, sondern auch drastische Verschiebungen in der Altersstruktur.

Da sind viele sogenannte „junge“ Alte, die aktiv und interessiert am gesellschaftlichen Leben teilnehmen und für sie passende Bildungsangebote nachfragen; aber auch immer mehr Hochaltrige mit höheren Pflegebedarf, was wiederum entsprechenden Bildungsbedarf für pflegende Angehörige und Pflegepersonal auslöst.

Für ältere Erwerbsfähige besteht Bedarf an weiterer Qualifizierung, innerhalb aber auch außerhalb von Betrieben.

Wir haben weniger Kinder und Jugendliche, allerdings in regional sehr unterschiedlichem Maße. Insgesamt betrachtet erleben sie weniger Gleichaltrige und weniger nicht normierte Freiräume.

Steigende Anteile von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund erfordern darauf abgestimmte Bildungsangebote.

Wir sehen bemerkenswerte geschlechterbezogene Differenzierungen der Bildungsverläufe und auch damit in Zusammenhang stehende Unterschiede der Verteilung der Geschlechter auf Stadt und Land, was gerade in ländlichen Räumen wiederum nicht ohne Folgen bleibt.

Sie sehen, an möglichen Ansatzpunkten für Ihre heutige Veranstaltung besteht wirklich kein Mangel.

Zum Abschluss möchte ich im Zusammenhang mit Demografie, Bildung und Religion noch einen Punkt ansprechen.

Eigentlich könnte die demografische Entwicklung ja langfristig die Position der Kirchen stärken. Studien zeigen, dass nicht nur international, sondern auch in Deutschland gläubige Menschen mehr Kinder bekommen als andere.

Nun gibt es aber auch die These, das läge nicht am Glauben selbst, sondern wäre auch ein Bildungseffekt, gläubige Menschen mit mehr Kindern hätten einfach eine geringere Bildung. Eine Untersuchung an der Universität Tübingen hat allerdings gezeigt, dass diese These für Deutschland nicht zutrifft.

Die evangelische Kirche muss sich also wegen der Wirkungen ihrer Bildungsarbeit keine Sorgen machen. In guter lutherischer Tradition kann sie sich sagen, sie schadet damit weder dem Glauben noch der demografischen Entwicklung.

 

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