Michael Panse Reden zum Nachlesen

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Rede zur Eröffnung der Pflege-Akademie der Prager-Schule gGmbH in Arnstadt am 24. November 2010

„Eine Gesellschaft, …die das Alter nicht erträgt … wird an ihrem Egoismus zugrunde gehen.“ (Willy Brandt) Mit diesem Satz von Willy Brandt haben Sie ihre Einladung begonnen und ich muss sagen: Er hat ausdrücklich Recht!

Wir reden über eine sich verändernde Bevölkerungsstruktur, in der der ältere Mensch und der alternde Mensch zunehmend im Mittelpunkt stehen. Dies ist kein Grund zur Klage, sondern zur Freude. Und dies ist eine Herausforderung für die Gesellschaft.

In elf Tagen ist in Deutschland und auch in Erfurt wieder der Jopi-Heesters-Tag. Johannes „Jopi“ Heesters wurde am 5. Dezember 1903 geboren und er wird seinen 107. Geburtstag in Erfurt feiern. Er steht für etwas, was wir uns alle wünschen: in Würde und dem Alter entsprechend guter Gesundheit alt zu werden und bis ins hohe Alter ein sinnerfülltes und aktives Leben zu führen. Die Rahmenbedingungen bei Jopi Heesters sind etwas anders als bei vielen anderen Menschen, aber das Ziel bleibt das gleiche.

Für sehr viele Menschen stehen die Chancen gut alt zu werden. Es ist ein Fakt: Die Menschen werden immer älter. Die Kinder, die heute geboren werden haben gute Aussichten ihre Urgroßeltern kennen zu lernen. 1850 lag die durchschnittliche Lebenserwartung bei 45 Jahren, 1950 bei 70 Jahren und heute bei 85 Jahren. So vielfältig die Gründe, wie unter anderem die sich stetig verbessernde Gesundheitsvorsorge und Bekämpfung von Krankheiten, dafür sind, so lässt sich prognostizieren, dass dieses Entwicklung weiter geht. Heute geborene Mädchen können durchaus mit einer Lebenserwartung von 100 Jahren rechnen. Die Lebenserwartung steigt jährlich um 3 Monate oder umgerechnet 5-6 Stunden pro Tag! Aber insbesondere im sogenannten “vierten Alter” ab 80 Jahren aufwärts steigt auch die Bedrohung für die Selbstständigkeit der Menschen.

Die erfreulicherweise kontinuierlich steigende Lebenserwartung muss sich nicht in der Lebenslänge sondern vor allem auch in der Lebensqualität messen lassen. Aktivitäten die den Menschen wichtig sind und ihrem Leben Sinn geben – darum muss es auch bei den Anforderungen an moderne Pflege gehen, sowohl in der ambulanten Pflege als auch in den stationären Pflegeeinrichtungen. Über die fachlichen Anforderungen an die Pflege muss ich hier wenig ausführen, dies ist Bestandteil der Aus- und Weiterbildung.

Hochaltrige Ehepaare, die gemeinsam in die Pflegeinrichtung kommen, weil einer den anderen nach einer Krankheit oder einem Krankenhausaufenthalt nicht mehr pflegen kann, verstärkt Männer als zu Pflegende, die 90jährige Mutter, die von ihrer 70jährigen Tochter nicht mehr zu Hause gepflegt werden kann – dies alles gehört schon heute zur Realität. Wohngruppen-, Familienkonzepte und die Heime der sogenannten 4. Generation sind Bestandteil davon.

Mit der höheren Lebenserwartung steigt die Zahl der Pflegebedürftigen Menschen deutlich an. Jüngste Prognosen des Statistischen Bundesamtes rechnen im Jahr 2030 mit 3,4 Millionen Pflegebedürftigen, also fast der Hälfte der dann über 80jährigen rund 6,4 Millionen Menschen. Im Jahr 2007 waren es in Deutschland 2,2 Millionen Menschen, die auf Pflege angewiesen waren. Allein diese Zahlen verdeutlichen, vor welch immensen Herausforderungen die Pflegebranche steht. Rund 300.000 zusätzliche Pflegefachkräfte werden bis 2020 deutschlandweit benötigt. Zu gezielter Zuwanderung raten die einen und die anderen raten zu einer finanziellen und gesellschaftlichen Aufwertung des Berufs. Vermutlich wird beides notwendig sein.

Ich werbe aus tiefer Überzeugung für eine angemessene Vergütung für Pflegefachkräfte der Mindestlohn für Pflegehilfskräfte ist wie es die parlamentarische Staatssekretärin im Gesundheitsministerium Annette Widmann-Mauz gestern im Interview mit der Thüringer Allgemeinen erklärte tatsächlich nur ein erster Schritt.

Respekt und Anerkennung für diese Berufsgruppe ist ebenso notwenig, wie eine gezielte Qualifizierung und Ausbildung.

In Thüringen haben wir derzeit 277 Alten- bzw. Pflegeheime. Diese verfügen über eine Kapazität von 21.622 Plätzen von denen gegenwärtig 19.958, also 92 Prozent belegt sind. Hinzu kommen Einrichtungen der Kurzzeitpflege, Tages- und Nachtpflege, Behinderteneinrichtungen und Außenwohngruppen. 220 Heime wurden seit der Wende neu gebaut oder grundlegend saniert. Dies alles ist Teil einer guten Pflegeinfrastruktur in Thüringen, die es weiter zu entwickeln gilt. 15 stationäre Pflegeeinrichtungen mit 870 Plätzen befinden sich derzeit im Bau und 15 weitere mit 957 Plätzen sind in Planung. Gerade erst letzte Woche wurde die Einrichtung der Azurit in Erfurt eröffnet, in Saalfeld Richtfest für ein AWO Pflegeheim gefeiert und heute kündigte die Diakonie einen Neubau in Gebesee an.

Um diese Einrichtungen in der geforderten Qualität und mit der Mindestpersonalausstattung betreiben zu können brauchen wir gut ausgebildetes Personal. Derzeit sind in Thüringen in den Pflegeeinrichtungen 5.225 Fachkräfte (bei 4.402 VbE) und 4.458 Pflegehilfskräfte (bei 3.277 VbE) tätig. Es gibt derzeit in Thüringen 600 Ausbildungsplätze im stationären Bereich und 552 im ambulanten Bereich. Wenn es gelingt, diese Ausbildungsplätze in Zukunft zu füllen, wäre ein wichtiger Schritt zur Deckung des Fachkräftebedarfs getan. Voraussetzung ist dabei allerdings, dass sich sowohl Einrichtungen als auch die Träger bemühen durch gezieltes Personalmanagement und das Schaffen guter Arbeitsbedingungen die ausgebildeten Arbeitskräfte in Thüringen zu halten. Dazu gehört natürlich auch eine adäquate Entlohnung.

In der Werbung um Auszubildende und Umschüler befindet sich die Pflegebranche bereits jetzt in Konkurrenz zu vielen anderen Berufsgruppen, wie Erzieherinnen, Krankenschwestern und Grundschullehrerinnen. Der starke Geburtenrückgang nach der Wende, manche sprechen von der „demografischen Vollbremsung“ kommt jetzt in den Ausbildungsjahrgängen an. Hinzu kommt die Abwanderung insbesonderer junger Frauen in den letzten Jahren. Allein im Ilmkreis wanderten zwischen 2005 bis 2009 1.244 Frauen ab. Sie fehlen uns und werden nur schwer zurück zu holen sein.

Auch langfristig wird sich daran nicht viel ändern, die potentielle Mütter- und Vätergeneration von heute wurde schon gar nicht mehr in der Zahl geboren, in der es noch ihre Eltern waren.

Diesen Trend gibt es in Deutschland im Übrigen schon seit über 100 Jahren. Die letzte Elterngeneration die sich komplett reproduzierte hatte den Geburtsjahrgang 1880, d.h. mit Beginn des 2. Weltkrieges war Schluss mit einer Geburtenquote von 2,1 oder mehr. Gerade erst wurden die Zahlen für 2009 vorgelegt: 665.112 Geburten in Deutschland, ein Minus von 17.402 zum Vorjahr und eine Geburtenquote von 1,36 pro Frau. Thüringen liegt da noch deutlich darunter und in ganz Europa gibt es nur eine Region die noch unter Thüringen liegt und dies ist Vatikanstadt.

Diese Zahlen zu beklagen bringt wenig, die Demographiebücher der nächsten Jahre sind schon geschrieben. Rund 2,2 Millionen Thüringerinnen und Thüringer sind wir heute. Im Jahr 2030 werden es nur noch 1,8 Millionen Thüringerinnen und Thüringer sein, mit der beschriebenen Veränderung der Altersstruktur. Jetzt kommt es darauf an, mit diesen Herausforderungen umzugehen.

Meine Tätigkeit als Landesbeauftragter für das Zusammenleben der Generationen hat damit zu tun. Für einen generationenübergreifenden Dialog trete ich ein. Dies erfordert es zu vermitteln, warum sich unsere Gesellschaft so deutlich verändert.

Dies erfordert aber auch, für ein gegenseitiges Verständnis zu werben. Dazu gehört auch auf eine generationengerechte Verteilung von Vorteilen und Belastungen bei der Gesetzgebung zu achten.

Projekte, die sich mit dem demographischen Wandel aktiv auseinandersetzen gehören zu meinem Beratungsfeld und deshalb bin ich gerne nach Arnstadt gekommen, um die Prager-Schule als Träger der Pflege-Akademie zu ermutigen und beste Wünsche zur Erweiterung der Schule zu übermitteln. Seit 1991 sind sie in Arnstadt aktiv, und 2013 feiert die Prager-Schule das 100jährige Bestehen.

Durchschnittlich 40 – 70 Azubis erfahren bei Ihnen eine Berufsausbildung oder Umschulung. Insbesondere benachteiligte Jugendliche erhalten bei Ihnen eine Chance auf eine Ausbildung und damit eine gute berufliche Perspektive. Dafür gebührt Ihnen und Ihren Partnern Dank und Anerkennung.

Mit der heutigen Erweiterung Ihres Ausbildungsspektrums auf die Pflege-Akademie stellen Sie sich der Herausforderungen des demografischen Wandels, den ich skizziert habe. Der Schulleitung wünsche ich eine gute Hand dabei, den Dozenten, interessierte und engagierte Zuhörer und den Aus- und Weiterzubildenden einen erfolgreichen Abschluss.

Die sich verändernde Gesellschaft braucht Sie!

 

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