Demographie

8. Demografiekongress Best Age in der Bundeshauptstadt Berlin

Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer

Jährlich richtet das Informationsblatt „Der Behördenspiegel“ mit Unterstützung des Bundesfamilienministeriums und weiterer Partner den Demografiekongress aus. In diesem Jahr standen die Handlungsoptionen der Kommunen im Mittelpunkt des zweitägigen Kongresses.

Auf kommunaler Ebene wirken sich die demografischen Veränderungen am direktesten aus und so gibt es bereits viele Städte, Gemeinden und Landkreise, die sich dem Therma offensiv stellen.Unter den über 200 Teilnehmern und Referenten des Kongresses im dbb-forum in der Friedrichstraße mit dem Motto „Land und Leute – Zukunft vor Ort gestalten“ waren daher viele Kommunalvertreter.

Die saarländische Ministerpräsidentin Anngret Kramp-Karrenbauer eröffnete den Kongress. Sie war dem Thema bereits durch ihre vorherigen Ministerämter verbunden. Sie betonte den notwendigen Generationendialog, verwies auf gelungene Beispiele aus Kommunen und verglich den demografischen Wandel im Saarland mit der Situation in den neuen Ländern. Finanzielle Spielräume müsse es für die Kommunen geben um den Wandel zu bewältigen.

Staatsssekretär Lutz Stroppe vom Bundesfamilienministerium erläuterte, dass der demografische Wandel kein Ost-West-Problem mehr sei. Er forderte die sorgende Gemeinschaft und kündigte Initiativen zur Großelternzeit für die kommende Legislaturperiode an. Erfreut habe ich auch seine Aussagen zu den Mehrgenerationenhäusern und zum Bundesfreiwilligendienst registriert (für beide Bereiche bin ich in Thüringen zuständig). Für den BFD betonte er die Notwendigkeit ältere Menschen einzubeziehen und für die derzeit 450 MGHs kündigte er an, dass bis Ende 2014 ein Konzept zu Weiterentwicklung vorliegen wird und er die Aufgabe des Bundes auch in einer Weiterfinanzierung sehe. Ab diesem Herbst kommen zu den 450 MGHs noch 300 Anlaufstellen für ältere Menschen bundesweit hinzu.

Zahlreiche Vorträge und Foren gab es zu nahezu allen denkbaren Themen. Kinderarztmangel im ländlichen Raum (Klasse-Vortrag von Prof. Wolfgang Hoffmann, Uni Greigswald), Pflegausbildung, Kita-Situation, Sorge und Mitverantwortung in der Kommune, Einblicke in den siebten Altenbericht (Prof. Dr. Andreas Kruse war wieder Spitze), inklusive Stadtgestaltung, Bildungssystem, freiwilliges Engagement, der Arbeitsmarkt für Ältere und viele mehr.

Ich habe von den beiden Kongresstagen eine Menge an Impulsen mitgenommen und gute Kontakte geknüpft. Und zwei Begriffe werde ich künftig auch in den Diskussionsprozess miteinstreuen und bin auf die Reaktionen gespannt. Dr. Jörg Bentmann, Abteilungsleiter im BMI sprach davon, dass wir eine „Verwolfung“ im ländlichen Raum nicht wollen und dagegen Konzepte entwickeln. Auch ein anderer Referent sprach im Zusammenhang mit Brandenburg vom „Wolfserwartungsland“. Es waren zwei ausgesprochen gute Tage in Berlin!

Bilder vom Kongress

Link zur best-age-conference

Demographische Entwicklung in Erfurt

Kita Glückskäfer
Wir werden in Erfurt mehr Kitas brauchen, weil die Zahl der Kinder erfreulicherweise steigt

Im Rahmen der Erfurter Vorträge hat der Amtsleiter für Stadtentwicklung Paul Börsch die demographische Entwicklung von Erfurt skizziert und ich war überrascht, wie wenig die Situation selbst in der Stadtverwaltung zwischen den Ämtern abgestimmt zu sein scheint. Seit Monaten erhalten wir im Stadtrat sowohl bei der Kita-Bedarfsplanung, als auch bei der Schulnetzplanung die Auskunft, man müsse erst auf neue demographische Zahlen warten, bevor längerfristige Entscheidungen möglich sind.

Bei der künftigen Stadtplanung von Erfurt spielen diese Zahlen natürlich ebenfalls eine große Rollen – da liegen sie aber offensichtlich schon vor. Während die Überalterung und der Rückgang der Bevölkerung deutschlandweit und in Thüringen eine große Rolle spielt weichen die Zahlen in Erfurt nach den Angaben von Paul Börsch erheblich ab. Die „German Angst“, wie unser Jammern auf hohem Niveau auch international genannt wird, ist nicht gerechtfertigt. Ja, in Deutschland werden wir in den nächsten Jahrzehnten rund 17 Millionen Menschen einbüßen und in nicht allzuferner Zukunft werden 1/3 der Menschen über 65 Jahre und 1/7 sogar über 80 Jahre sein.  Aber sie werden auch viel länger aktiv bleiben und dies gilt es auch für die Gesellschaft zu nutzen.

Schon im Jahr 1911, also vor hundert Jahren warnte eine Broschüre mit Blick auf 1961 vor einer dramatischen Überalterung der Gesellschaft und dem Finanzkollaps öffentlicher Haushalte. Ausgeblendet wurden dabei Bevölkerungswanderungen, die auch jetzt das Bild verschieben werden. Für Erfurt sind folgende Zahlen festzuhalten. 2005 lag die Geburtenquote bei 1,28 im Jahr 2010 hingegen bei 1,52. Die Bevölkerungszahl ist in den letzten fünf Jahren gestiegen und nunmehr bei knapp 202.000 Einwohnern, also noch einmal 1.000 mehr als Ende 2010. Dies resultiert aus Zuwanderungen aus der Umfeldregion, insbesondere der Rückwanderung junger Erwachsener. Aktuelles Problem sei dabei die Nachfrage nach preiswertem Wohnraum. Die Stadtplanung hat nach den Worten von Börsch die Aufgabe soziale Polarisation zu vermeiden, weiche Standortfaktoren zu entwickeln und benachteiligte Stadtteile mit Städtbaufördermitteln aufzuwerten.

Im Jahr 2030 werden in Erfurt prozentual mehr Kinder leben, als heute. Die 0-10 Jährigen werden dann einen Anteil von 15 Prozent der Erfurtinnen und Erfurter haben. Allerdings sagt die Prognose für 2030 auch einen Anteil bei den über 64 Jährigen von 28 Prozent der dann rund 210.000 Erfurterinnen und Erfurter voraus. Ich finde die Zahlen bemerkenswert. Warum die Stadtverwaltung zumindest bei der Kita-Planung immernoch meint, wir könnten in zehn Jahren bis zu 10 Prozent der Kitas mangels Kindern vom Netz nehmen, erschließt sich mir nicht. Wir werden das Thema nachdrücklich nachfragen!

Der demographische Wandel ist Thema in Ost und West

JU RLPEinmal quer durch die Republik ging es am Sonntag. Nachdem die Lange Nacht der Politik bis Mtternacht in Erfurt ging, war um sechs Uhr bereits Abfahrt nach Bitburg in Rheinland-Pfalz. Aber die lange Fahrt (hin und zurück immerhin 900km) war einem wichtigen Thema geschuldet. Der 65. Landestag der Jungen Union Rheinland-Pfalz fand zum Thema „Den demographischen Wandel in Rheinland-Pfalz gestalten.“ statt.

Wenngleich die demographischen Auswirkungen in Rheinland-Pfalz nicht ganz so extrem sein werden, wie in den neuen Bundesländern, so  habe ich mich doch darüber gefreut, dass das Thema gerade von der Jungen Union als Motor und Vorreiter von politischen Diskussionen dort auf die Agenda gesetzt wurde.

Als Landesbeauftragter für das Zusammenleben der Generationen in Thüringen habe ich deshalb gerne die Chance genutzt in Bitburg von unseren Erfahrungen zum Thema zu sprechen. Die Fahrt nach Bitburg war somit auch ein ganz kleines Stück Hilfe von Ost nach West zu geben. Aufbauhilfe haben wir in Thüringen in den letzten 22 Jahren viel erhalten – gestern konnte ich dafür auch noch einmal Danke sagen. Mit einem meiner ältesten politischen Freunde Markus Kilb aus Mainz bin ich die Strecke nach Bitburg und zurück gefahren – er ist nach dem Mauerfall regelmäßig bis heute in Thüringen gewesen und hat die Junge Union Thüringen in allen Phasen begleitet und unterstützt.

JU RLP (9)Zu den Freunden der ersten Stunde gehören aber auch Axel Wallrabenstein, Stephan Schwarz, Jochen Fasco und natürlich Bernhard Vogel, der mich am Vorabend noch mit besten Grüßen für die JU in Rheinland-Pfalz ausstattete.

Zum Thema Demographie legte die JU in Bitburg einen umfänglichen Leitantrag vor, der die wichtigsten Fragen aufgriff. Stärkung des ländlichen Raums und demographiefeste Bildung dominierten das Papier. Von 1.000 Grundschulen in Rheinland-Pfalz laufen ein Drittel nur noch einzügig oder als Kombischulen. Beide Themenpunkte betreffen uns in gleicher Form.

Hinzu kommt das Thema Fachkräftemangel – bei uns noch verschärft durch die jahrelange Abwanderung junger Menschen. Lebensperspektiven für ältere Menschen zu schaffen, ist ebenfalls ein zentrales Thema in Ost und West. Wobei ich allerdings auch betont habe das es natürlich ein Grund zur Freunde ist, dass Menschen immer älter werden. Zu beklagen ist dabei, dass immer weniger Kinder geboren werden.

In Thüringen hatten wir 1990 eine demographische Vollbremsung. In Rheinland-Pfalz ging der Prozeß zwar nicht so abrupt, aber dafür werden schon seit den 70ger Jahren dort nur noch rund 1,4 Kinder pro Frau geboren. Lediglich durch Zuwanderung fiel dies lange nicht so stark ins Gewicht. In ihrem Leitantrag regt die Junge Union die Schaffung eines „Beauftragten für den Zusammenhalt der Generationen“ an (fand auch die Mehrheit bei der Beschlussfassung).  Im Wahlkampf hatte die CDU bereits ein Ministerium für diesen Bereich angeregt – nicht um neue Aufgaben zu schaffen, sondern eine Bündelung bestehender Kräfte und Aufgaben zu vollziehen.

JU RLP (26)Beeindruckt hat mich die offene, kompetente und direkte Art der CDU-Landes- und Fraktionsvorsitzenden Julia Klöckner. Mit dem JU-Landesvorsitzenden Johannes Steiniger versteht sich sich wie mit der ganzen Jungen Union im Lande bestens und ermutigte die JU-Delegierten Unruheherde der Partei zu sein. Weit vorn ist die JU und numehr auch die CDU bereits in Sachen Internet. Julia Klöckner, die selbst die Medien seit vielen Jahren intensiv nutzt, drängt auf einen Live-Stream aus den Landtagssitzung. Bei Landestag der JU gab es den schon.

Im nächsten Jahr will die CDU in Rheinland-Pfalz Demographiekongresse in den Regionen des Landes veranstalten. Wenn ich kann helfe ich gerne dabei mit, in Thüringen gab es schon zwei Kongresse der Konrad-Adenauer-Stiftung dazu. Natürlich freue ich mich auch auf Wahlkampfunterstützung aus Rheinland-Pfalz im nächsten Jahr. Sowohl die Junge Union, als auch Julia Klöckner haben das gestern angeboten und ich komme sehr gerne darauf zurück.

Bilder vom Landestag

Strategien für eine demographiefeste Arbeitswelt diskutiert

TND
Thüringer Netzwerk Demographie

Das Thüringer Netzwerk für Demografie diskutierte heute mit zahlreichen Vertretern Thüringer Unternehmen, was gegen den drohenden Fachkräftemangel getan werden kann. Im Jahr 2006 wurde dieses Netzwerk gegründet und hat sich seit dem zur Aufgabe gemacht die Unternehmen für die demografischen Veränderungen zu sensibilisieren.

Auch das heutige Diskussionsforum machte deutlich, dass hierbei bereits beachtliche Erfolge zu verzeichnen sind. Unter anderem legte das Netzwerk in der Zeit einen Katalog „Demografieorientierter Projekte in Thüringen vor“, hat zahlreiche innerbetriebliche Demografieberater ausgebildet und zahlreiche Fachforen und Fachgespräche organisiert. Seit der Aufnahme meiner Tätigkeit als Beauftragter für das Zusammenleben der Generationen verstehe ich es auch als eine meiner Aufgaben, den Fachkräftebedarf (und damit Ausbildung, Fortbildung sowie Wiedereinstieg in den Beruf) in den Unternehmen in den Focus zu nehmen.

Derzeit können sich viele Unternehmen noch mit Fachkräften am „Markt eindecken“, ältere Arbeitnehmer länger im Betrieb halten, junge Frauen ins Berufsleben zurückholen und Teilzeitbeschäftigungen ausweiten. Lange wird dies nicht mehr funktionieren und in manchen Branchen funktioniert es jetzt schon nicht mehr. Bereits bei anderen Diskussionsrunden habe ich deutlich gemacht, dass es noch weitere Potentiale gibt. Junge Menschen, die in den letzten Jahren keine Chancen hatten und auch mangels persönlicher Motivation schlechte schulische Abschlüsse, erfolglose BVJ 1 und BVJ 2 sowie zahlreiche andere Maßnahmen durchlaufen haben, bevor sie am Ende dann doch in Hartz IV landeten, zählen leider umgangssprachlich zu einer „verlorenen Generation“. Ich werde sehr dafür eintreten auch für diese jungen Menschen Perspektiven zu entwickeln.

Neben all diesen Maßnahmen findet nun wieder eine intensivere Diskussion um eine Verlängerung der Lebensarbeitszeit (Stichwort Rente mit 69) oder Zuwanderung von Arbeitskräften. Um diese beiden Themen ging es aber bei der heutigen Beratung in Weimar nicht.

Roland Emig, Kaufmännischer Geschäftsführer der Schuler Pressen GmbH, (Pressenhersteller Müller Weingarten AG, ehemals Umformtechnik) erläuterte die Unternehmensstrategie und wie er Nachhaltigkeit bei der Nachwuchssicherung sieht. Mir hat sein Eingangszitat sehr gefallen. Dabei erläuterte er die nachhaltig wirkenden Nachwuchssicherungskonzepte mit dem Vergleich: es sei dabei wie einen „Baum zu planzen, in dessen Schatten man nie sitzen wird“ und es natürlich dennoch tut.

In seinem Unternehmen sind derzeit 500 Mitarbeiter tätig, davon werden allerdings über 100 in den nächsten Jahren altersbedingt ausscheiden. Das Durchschnittsalter liegt bei 47 Jahren und so wurde ein längerfristig wirkendes Konzept entwicklet. Mit Patenschaften einer benachbarten Kita (im Umfeld sind 80 Prozent Hartz IV-Empfänger), intensive Praktikumsbegleitungen von Schülern (er verwies dabei auf die Internetseite Schüler Praktikum) bis hin zur gezielten Förderung bei Weiterqualifizierung und Studium von Führungskräften. Mir gefällt, dass es dem Unternehmen nicht nur um den kurzfristigen Fachkräftebedarf geht sondern um langfristige Unterstützung. Roland Emig sagte „die Unterstützung für Schüler ist ihm wichtig, auch wenn sie zum Teil später beim Mitbewerber, Kunden oder Lieferanten als Arbeitskräfte landen“.

Beim Netzwerk werde ich gerne auch in Zukunft „am Ball bleiben“ – es geht schließlich um Zukunftsperspektiven!

Jahresempfang der KAS in Wendgräben

KAS (9)Ein gelungener Abend war dies zweifellos! In der Bildungsstätte der Konrad-Adenauer-Stiftung in Schloß Wendgräben lud die KAS gestern Abend zum Jahresempfang und bevor der Abend losgehen konnte mussten ersteinmal zusätzliche Stühle in den Raum getragen werden. 120 Besucher folgten der Einladung von Ronny Heine, dem Leiter des Bildungszentrums.

Als Gastredner habe ich in meiner Funktion als Landesbeauftragter für das Zusammenleben der Generationen gerne die Einladung angenommen, um über Generationengerechtigkeit und den demographischen Wandel zu sprechen. Geburtenentwicklung, Abwanderung und Alterung unserer Gesellschaft waren die zentralen Punkte der Rede.

KAS (8)Aufmerksame Zuhörer und im Anschluß gute Gespräche zum Thema zeigten, dass das Thema in Sachsen-Anhalt ernst genommen wird. Insbesondere viele kommunale Vertreter waren der Einladung der KAS gefolgt. Gefreut habe ich mich aber auch über ein Wiedersehen mit alten „Mitkämpfern“ aus JU Tagen. Der ehemalige Landesvorsitzende der JU Sachsen-Anhalt Uwe Schulze ist inzwischen Landrat in Anhalt-Bitterfeld und es gab einiges aus alten Tagen zu schwatzen.

Ein herzliches Dankeschön an die Konrad-Adenauer-Stiftung für die Organisation des Abends und die beiden Musikschülerinnen von der Musikschule Bitterfeld für die Umrahmung des Abends. ich bin gerne dazu nach Sachsen-Anhalt gefahren.

Die Rede zum Jahresempfang der KAS

und die Bilder vom Abend

und die Rede zum Ausdrucken oder Downloaden bei der KAS

KAS (10)
Landtrat Uwe Schulze

„Generationengerechtigkeit und demographischer Wandel“ Geburtenentwicklung, Abwanderung, Alterung und Schlussfolgerungen

Jahresempfang der Konrad-Adenauer-Stiftung in Wendgräben am 23.2.2011

Sehr geehrte Damen und Herren,

1,36 – 1,37 – 1,38 sind die Zahlen, zu denen ich heute Abend sprechen werde. Die Geburtenrate in Sachsen-Anhalt liegt bei 1,38 Kindern – erstmals seit 20 Jahren liegt diese Quote, wenngleich auch nur sehr knapp, über dem Bundesdurchschnitt von 1,36. Thüringen liegt bei 1,37 Kindern pro Frau. Sachsen-Anhalt und Thüringen lagen viele Jahre deutlich unter dem Bundesdurchschnitt und mit 1,21 Kindern im Jahr 2003 ganz am Ende in der Europäischen Statistik.

Es gab nur eine einzige Region die noch darunter lag und dies war – Vatikanstadt! Allerdings brauchen wir da sicher nicht lange nach den Gründen suchen. Die Geburtenzahlen in Deutschland verharren auf einem niedrigen Niveau. Trotz 156 ehe- und familienbezogenen  Leistungen, die es in Deutschland gibt, trotz Elterngeld, trotz Erziehungsgeld hat sich daran nichts geändert. Die skandinavischen Länder und Frankreich – für ihre Familienpolitik häufig gelobt, haben auch keine viel besseren Zahlen. Hingegen hatte viele Jahre lang ausgerechnet das ärmste Land Europas den Spitzenwert inne – in Albanien wurden die meisten Kinder geboren.

Der Blick über den Tellerrand lohnt sich dabei. Denn wenn wir dies in weltweite Relationen setzen, bestätigt sich dies. In Burkina Faso werden mit einer Geburtenrate von 6,9 die meisten Kinder geboren. In Mali, dem drittärmsten Land der Welt, 6,7. Die niedrigste Quote weltweit hat derzeit Japan mit 1,23 Kindern.

Dies führt zu der Frage, warum sich Eltern für oder gegen Kinder entscheiden, wann diese Entwicklung eingesetzt hat und ob da der Staat etwa tun soll, oder überhaupt tun kann. Wir beneiden Burkina Faso und Mali sicherlich um den Kinderreichtum. Aber ich war vor drei Wochen für eine Woche in Mali, wir beneiden sie nicht um die Ursachen hierfür. Kindern sind in diesem Land Teil der persönlichen Daseinsfürsorge und zum Teil, das räume ich ein, Ergebnis nicht bestehender Schwangerschaftsaufklärung und -verhütung. In einem Land in dem das Durchschnittsalter bei 55 Jahren liegt und es keine Rentenversicherung oder ähnliches gibt, tragen die Kinder ihre Eltern in der familiären Solidargemeinschaft.

Zurück nach Mitteldeutschland. Wenn wir heute hier über den demographischen Wandel sprechen hat dies vor allem mit den dramatischen Veränderungen in der Bevölkerungsstruktur in den neuen Bundesländern zu tun. Drei Dinge sind bei den Betrachtungen für Demographie-Interessierte von besonderem Interesse:

– der Rückgang an Geburten,

– die steigende Lebenserwartung der Menschen,

– die Abwanderung

Geburtenentwicklung und Abwanderung

Der starke Geburtenrückgang nach der Wende, man kann berechtigt von einer „demographischen Vollbremsung“ sprechen, kommt jetzt in den Ausbildungsjahrgängen und bei den potentiellen Eltern der nächsten Jahre an. Hinzu kommt noch die Abwanderung insbesondere von jungen Frauen in den letzten Jahren aus Mitteldeutschland.

Sachsen-Anhalts Einwohnerzahl reduzierte sich zwischen 1990 und 2008 um fast eine halbe Million von ehemals 2,87 Mio. auf 2,38 Mio. das sind minus 17%! In zehn bis fünfzehn Jahren werden es weniger als 2 Millionen sein. anderungsverluste und weniger Geburten sind ursächlich dafür. Thüringen hat in dem Bereich nahezu identische Zahlen. Dieser Trend ist in nahezu allen Flächekreisen Mitteldeutschlands zu beobachten, lediglich in den großen Städten gibt es geringe Zuwanderung und durch eine höhere Zahl von Elternjahrgängen auch mehr Geburten. Halle und Magdeburg sind als Hochschulstandorte mit dem Zuzug junger Menschen ebenso bevorteilt wie bei uns Jena und Erfurt. Aber auch dieser Trend geht zu Lasten umliegender Flächenkreise.

Die Wanderungsverluste auf der Suche nach Ausbildungs- und Arbeitsplätzen und  in Richtung alte Bundesländer waren in den letzten 20 Jahren enorm. Derzeit absolvieren immer noch 8.000 Thüringerinnen und Thüringer ihre Ausbildung in den alten Bundesländern. Die jungen Frauen und Männer fehlen uns und werden nur schwer zurück zu holen sein. Auch langfristig wird sich daran nicht viel ändern, die potentielle Mütter- und Vätergeneration von heute wurde schon gar nicht mehr in der Zahl geboren, in der es noch ihre Eltern waren. Um es mit den Worten des Demographen Prof. Birg zu sagen: „Die Auswirkungen auf die Bevölkerung können schlimmer sein, als der Dreißigjährige Krieg.“ Und „Nichtgeborene können selbst bei bester Familienpolitik keine Kinder haben.“.

Aber wann und warum hat dies begonnen? Diesen Trend gibt es in Deutschland schon seit über 100 Jahren. Die Bismarck´schen Rentenreformen von 1889 stehen da am Anfang. Die letzte Elterngeneration die sich komplett reproduzierte hatte, stammt aus dieser Zeit mit dem Geburtsjahrgang 1880, d.h. mit Beginn des 1 Weltkrieges war Schluss mit einer Geburtenquote von 2,1 oder mehr.

Lediglich in den Jahren 1955 bis 1965 sorgte der Babyboom der Aufschwungzeit für einen kurzzeitigen Anstieg der Geburten. Mit dem Pillenknick Anfang der 70iger Jahre war damit endgültig Schluss – in West und Ost. 1964 wurden 1,4 Millionen Babys in Deutschland geboren heute ist es weniger als die Hälfte im Vergleich zu 1900 sogar nur ein Viertel. Die Zahlen für 2009 belegen dies: 665.112 Geburten in Deutschland, ein Minus von 17.402 zum Vorjahr. 2010 werden es zwar rund 25.000 mehr als 2009 aber von einer Trendwende kann man nicht sprechen – eher von kurzeitigen Effekten, wie einem verschobenen Zeitpunkt für den Kinderwunsch, Elterngeld und dem Aufschwung in der Wirtschaft und am Arbeitsmarkt.

Eine regelmäßig wiederkehrende Schlagzeile in den Medien lautet „Muttis bekommen immer später ein Baby“. Inzwischen sind wir in Sachsen-Anhalt und Thüringen nun bei einem Alter von 28,6 Jahren für das 1. Kind angekommen bei den jungen Westmuttis liegt das Alter sogar bei über 30. Kombiniert mit beruflichen Zukunftswünschen und dem Job-Ein- und Ausstieg, ist damit klar, dass das biologische Fenster für ein zweites oder drittes Kind nicht gar zu groß ist. Als Vater dreier Söhne sage ich aber auch, Kinder und Kinderwünsche sind nicht nur Mutterwünsche!

Alter und Pflege

Wir reden über eine sich verändernde Bevölkerungsstruktur, in der der ältere Mensch und der alternde Mensch zunehmend im Mittelpunkt stehen. Dies ist kein Grund zur Klage, sondern zur Freude. Und dies ist eine Herausforderung für die Gesellschaft. Vor einigen Wochen war in Deutschland und auch in meiner Heimatstadt Erfurt wieder der Jopi-Heesters-Tag. Johannes „Jopi“ Heesters wurde am 5. Dezember 1903 geboren und er hat seinen 107. Geburtstag in Erfurt gefeiert. Er steht für etwas, was wir uns alle wünschen: in Würde und dem Alter entsprechend guter Gesundheit alt zu werden und bis ins hohe Alter ein sinnerfülltes und aktives Leben zu führen. Die Rahmenbedingungen bei Jopi Heesters sind etwas anders als bei vielen anderen Menschen, aber das Ziel bleibt das gleiche. Für sehr viele Menschen stehen die Chancen gut alt zu werden. Es ist ein Fakt: Die Menschen werden immer älter. Die Kinder, die heute geboren werden haben gute Aussichten ihre Urgroßeltern kennen zu lernen.

1850 lag die durchschnittliche Lebenserwartung bei 45 Jahren, 1950 bei 70 Jahren und heute bei 85 Jahren. So vielfältig die Gründe, wie unter anderem die sich stetig verbessernde Gesundheitsvorsorge und Bekämpfung von Krankheiten, dafür sind, so lässt sich prognostizieren, dass dieses Entwicklung weiter geht. Heute geborene Mädchen können durchaus mit einer Lebenserwartung von 100 Jahren rechnen. Die Lebenserwartung steigt jährlich um 3 Monate oder umgerechnet 5-6 Stunden pro Tag! Aber insbesondere im sogenannten “vierten Alter” ab 80 Jahren aufwärts steigt auch die Bedrohung für die Selbstständigkeit der Menschen.

Mit der höheren Lebenserwartung steigt die Zahl der Pflegebedürftigen Menschen deutlich an. Jüngste Prognosen des Statistischen Bundesamtes rechnen im Jahr 2030 mit 3,4 Millionen Pflegebedürftigen, also fast der Hälfte der dann über 80jährigen rund 6,4 Millionen Menschen. Im Jahr 2007 waren es in Deutschland 2,2 Millionen Menschen, die auf Pflege angewiesen waren. Allein diese Zahlen verdeutlichen, vor welch immensen Herausforderungen die Pflegebranche steht. Rund 300.000 zusätzliche Pflegefachkräfte werden bis 2020 deutschlandweit benötigt. Zu gezielter Zuwanderung raten die einen und die anderen raten zu einer finanziellen und gesellschaftlichen Aufwertung des Berufs. Vermutlich wird beides notwendig sein.

Die vorliegenden Zahlen zu beklagen bringt wenig, die Demographiebücher der nächsten Jahre sind schon geschrieben. Jetzt kommt es darauf an, mit diesen Herausforderungen umzugehen. Oder wie es am Montag dieser Woche die Demographieminister von Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen bei einem Treffen in Erfurt erklärten „es gilt die wesentlichen Herausforderungen des demographischen Wandels, Alterung, Abwanderung und Heterogenität, zu lösen.“.

Herausforderungen bei der Gestaltung des demographischen Wandels

Was sind die wesentlichsten Herausforderungen? Fachkräftebedarfe, Veränderungen im ländlichen Raum, und die Finanzsituation von Ländern und Kommunen – Stichwort Schuldenstand. Prozentual immer weniger Arbeitskräfte müssen den Wohlstand der Gesellschaft erwirtschaften. Hinzu kommt, dass bereits jetzt in vielen Bereichen nach Fachkräften gesucht wird. Große Branchen wie die Elektroindustrie berichten von erheblichen Problemen. Ich kenne aus meiner Arbeit sehr gut die sich abzeichnenden Probleme in der Sozialwirtschaft. In der Werbung um Fachkräfte sind soziale Berufe der Pflege und des Gesundheitswesens in Konkurrenz mit Erzieherinnen und Grundschullehrerinnen, untereinander aber auch zu vielen anderen Berufsgruppen. Junge Frauen sind inzwischen gesucht – erfreulich für die Zukunftsperspektiven der jungen Damen. Dramatisch aber für eine ganze Branche, denn diese Entwicklung ist nur der Auftakt für das, was uns bevorsteht.

Ich sage ganz deutlich: Für den Sozialbereich hat die Politik eine besondere Verantwortung. Während in der Wirtschaft sich Vieles marktwirtschaftlich regeln muss und auf die Selbstheilungskräfte gesetzt wird, erfordert die soziale Daseinsfürsorge (seit 1920 definiert) eigene politische Aktivitäten der Politik und der großen Sozialhilfeträger und letztlich erhebliche finanzielle Ressourcen.

Anregungen für den Sozialbereich

Regionale und landesweite Sozialnetzplanungen sind dringend geboten. Die Fakten und Prognosezahlen liegen vor, ein soziales Netz, welches die Bevölkerungsentwicklung berücksichtigt, verhindert zusätzliche Wanderungsbewegungen und die Vernachlässigung ganzer Regionen.

Für weite Teile des sozialen Bereichs brauchen wir eine Verbesserung der Verdienst- und Arbeitsbedingungen. Tariflöhne für alle Sozialhilfeträger, Steigerungen im Lohnniveau und Entlastungen im Arbeitsumfeld müssen diese Berufe künftig attraktiver gestalten.

In Mitteldeutschland müssen wir gemeinsam einen Standortwettbewerb um die klügsten Köpfe führen. Die Gewinnung hochqualifizierter Fachkräfte muss einhergehen mit Aufstiegschancen. Gemeinsam mit den Fachhochschulen und privaten Bildungseinrichtungen müssen dazu Aus- und Fortbildungsmodule entwickelt werden.

Die Wiedereinstiegschancen insbesondere für Frauen und ältere Arbeitslose müssen deutlich verbessert werden. Familienfreundliche Arbeitsmodelle nach der Elternzeit und individuelle Arbeitszeitmodell sind dabei notwendig.

Neue Berufsmodelle für benachteiligte junge Menschen müssen wir entwickeln und die Ausbildungszeiten entsprechend anpassen. Wir können es uns nicht leisten junge Menschen zu verlieren.

Generationengerechtigkeit

Generationengerechtigkeit bedeutet nicht, dass jeder Generation die gleichen Ressourcen zur Verfügung gestellt werden (müssen). Sie bedeutet nicht eine möglichst „gerechte“ Verteilung von Einkommen und Vermögen auf verschiedene Generationen, wie es Linke und Grüne propagieren.

Generationengerechte Politik, wie wir sie verstehen, meint zunächst Teilhabe und Beteiligungsmöglichkeiten, also auch die Verwirklichung jedes Mitglieds der Gesellschaft zu ermöglichen, also Chancengerechtigkeit. Generationengerechtigkeit erfordert von der Politik keine Entscheidungen zu treffen und Gesetze zu beschließen, die einseitig Generationen belasten sowie nachfolgenden Generationen unverhältnismäßige Lasten auferlegen.

Meine Tätigkeit als Landesbeauftragter für das Zusammenleben der Generationen hat damit zu tun. Für einen generationenübergreifenden Dialog werbe ich, weil jede Generation auch die Interessen der anderen Generationen berücksichtigen muss. Dies erfordert es zu vermitteln, warum sich unsere Gesellschaft so deutlich verändert. Dies erfordert aber auch, für mehr gegenseitiges Verständnis zu werben. Dazu gehört auf eine generationengerechte Verteilung von Vorteilen und Belastungen bei der Gesetzgebung zu achten. Diese genannten Aufgaben sind Querschnittsaufgaben für viele Politikbereiche. Beim bereits zitierten Treffen der mitteldeutschen Demographieminister in Erfurt in dieser Woche haben der Thüringer Minister für Bau, Landesentwicklung und Verkehr Christian Carius, der Staatssekretär im Ministerium für Landesentwicklung und Verkehr des Landes Sachsen-Anhalt Andre Schöder und der Staatsminister und Chef der Staatskanzlei des Freistaates Sachsen Dr. Johannes Beermann eine regelmäßige Zusammenarbeit vereinbart.

Zukünftig wird im Rahmen des „Mitteldeutschen Dialogs“ der demographische Wandel regelmäßig diskutiert und der Erfahrungsaustausch intensiviert.

Der Schwerpunkt der Arbeit wird auf den ländlichen Raum gelegt. Im ländlichen Raum muss es weiter eine verlässliche Infrastruktur geben. Wir werden allerdings die Dienstleistungsversorgung auf dem Lande viele stärker mit mobilen Diensten erbringen müssen.

Wir müssen uns darüber hinaus bereits jetzt auf eine Renaissance der Innenstädte einstellen.

Mitteldeutschland soll eine Zukunftsregion werden. Halten, Werben und Rückholen von Fachkräften ist das Ziel.

Kooperationen zwischen den Kommunen sollen länderübergreifend unterstützt werden.

Die Herausforderungen, den demographischen Wandel zu meistern und die geforderte und notwendige Generationengerechtigkeit dabei im Blick zu haben, bieten aber auch Chancen und Möglichkeiten. Wir sollten sie beherzt angehen.

Letztlich brauchen wir aber vor allem dazu den Mut zu neuen Wegen – ein „Weiter so“ funktioniert nicht!

 

 

 

Rede zur Eröffnung der Pflege-Akademie der Prager-Schule gGmbH in Arnstadt am 24. November 2010

„Eine Gesellschaft, …die das Alter nicht erträgt … wird an ihrem Egoismus zugrunde gehen.“ (Willy Brandt) Mit diesem Satz von Willy Brandt haben Sie ihre Einladung begonnen und ich muss sagen: Er hat ausdrücklich Recht!

Wir reden über eine sich verändernde Bevölkerungsstruktur, in der der ältere Mensch und der alternde Mensch zunehmend im Mittelpunkt stehen. Dies ist kein Grund zur Klage, sondern zur Freude. Und dies ist eine Herausforderung für die Gesellschaft.

In elf Tagen ist in Deutschland und auch in Erfurt wieder der Jopi-Heesters-Tag. Johannes „Jopi“ Heesters wurde am 5. Dezember 1903 geboren und er wird seinen 107. Geburtstag in Erfurt feiern. Er steht für etwas, was wir uns alle wünschen: in Würde und dem Alter entsprechend guter Gesundheit alt zu werden und bis ins hohe Alter ein sinnerfülltes und aktives Leben zu führen. Die Rahmenbedingungen bei Jopi Heesters sind etwas anders als bei vielen anderen Menschen, aber das Ziel bleibt das gleiche.

Für sehr viele Menschen stehen die Chancen gut alt zu werden. Es ist ein Fakt: Die Menschen werden immer älter. Die Kinder, die heute geboren werden haben gute Aussichten ihre Urgroßeltern kennen zu lernen. 1850 lag die durchschnittliche Lebenserwartung bei 45 Jahren, 1950 bei 70 Jahren und heute bei 85 Jahren. So vielfältig die Gründe, wie unter anderem die sich stetig verbessernde Gesundheitsvorsorge und Bekämpfung von Krankheiten, dafür sind, so lässt sich prognostizieren, dass dieses Entwicklung weiter geht. Heute geborene Mädchen können durchaus mit einer Lebenserwartung von 100 Jahren rechnen. Die Lebenserwartung steigt jährlich um 3 Monate oder umgerechnet 5-6 Stunden pro Tag! Aber insbesondere im sogenannten “vierten Alter” ab 80 Jahren aufwärts steigt auch die Bedrohung für die Selbstständigkeit der Menschen.

Die erfreulicherweise kontinuierlich steigende Lebenserwartung muss sich nicht in der Lebenslänge sondern vor allem auch in der Lebensqualität messen lassen. Aktivitäten die den Menschen wichtig sind und ihrem Leben Sinn geben – darum muss es auch bei den Anforderungen an moderne Pflege gehen, sowohl in der ambulanten Pflege als auch in den stationären Pflegeeinrichtungen. Über die fachlichen Anforderungen an die Pflege muss ich hier wenig ausführen, dies ist Bestandteil der Aus- und Weiterbildung.

Hochaltrige Ehepaare, die gemeinsam in die Pflegeinrichtung kommen, weil einer den anderen nach einer Krankheit oder einem Krankenhausaufenthalt nicht mehr pflegen kann, verstärkt Männer als zu Pflegende, die 90jährige Mutter, die von ihrer 70jährigen Tochter nicht mehr zu Hause gepflegt werden kann – dies alles gehört schon heute zur Realität. Wohngruppen-, Familienkonzepte und die Heime der sogenannten 4. Generation sind Bestandteil davon.

Mit der höheren Lebenserwartung steigt die Zahl der Pflegebedürftigen Menschen deutlich an. Jüngste Prognosen des Statistischen Bundesamtes rechnen im Jahr 2030 mit 3,4 Millionen Pflegebedürftigen, also fast der Hälfte der dann über 80jährigen rund 6,4 Millionen Menschen. Im Jahr 2007 waren es in Deutschland 2,2 Millionen Menschen, die auf Pflege angewiesen waren. Allein diese Zahlen verdeutlichen, vor welch immensen Herausforderungen die Pflegebranche steht. Rund 300.000 zusätzliche Pflegefachkräfte werden bis 2020 deutschlandweit benötigt. Zu gezielter Zuwanderung raten die einen und die anderen raten zu einer finanziellen und gesellschaftlichen Aufwertung des Berufs. Vermutlich wird beides notwendig sein.

Ich werbe aus tiefer Überzeugung für eine angemessene Vergütung für Pflegefachkräfte der Mindestlohn für Pflegehilfskräfte ist wie es die parlamentarische Staatssekretärin im Gesundheitsministerium Annette Widmann-Mauz gestern im Interview mit der Thüringer Allgemeinen erklärte tatsächlich nur ein erster Schritt.

Respekt und Anerkennung für diese Berufsgruppe ist ebenso notwenig, wie eine gezielte Qualifizierung und Ausbildung.

In Thüringen haben wir derzeit 277 Alten- bzw. Pflegeheime. Diese verfügen über eine Kapazität von 21.622 Plätzen von denen gegenwärtig 19.958, also 92 Prozent belegt sind. Hinzu kommen Einrichtungen der Kurzzeitpflege, Tages- und Nachtpflege, Behinderteneinrichtungen und Außenwohngruppen. 220 Heime wurden seit der Wende neu gebaut oder grundlegend saniert. Dies alles ist Teil einer guten Pflegeinfrastruktur in Thüringen, die es weiter zu entwickeln gilt. 15 stationäre Pflegeeinrichtungen mit 870 Plätzen befinden sich derzeit im Bau und 15 weitere mit 957 Plätzen sind in Planung. Gerade erst letzte Woche wurde die Einrichtung der Azurit in Erfurt eröffnet, in Saalfeld Richtfest für ein AWO Pflegeheim gefeiert und heute kündigte die Diakonie einen Neubau in Gebesee an.

Um diese Einrichtungen in der geforderten Qualität und mit der Mindestpersonalausstattung betreiben zu können brauchen wir gut ausgebildetes Personal. Derzeit sind in Thüringen in den Pflegeeinrichtungen 5.225 Fachkräfte (bei 4.402 VbE) und 4.458 Pflegehilfskräfte (bei 3.277 VbE) tätig. Es gibt derzeit in Thüringen 600 Ausbildungsplätze im stationären Bereich und 552 im ambulanten Bereich. Wenn es gelingt, diese Ausbildungsplätze in Zukunft zu füllen, wäre ein wichtiger Schritt zur Deckung des Fachkräftebedarfs getan. Voraussetzung ist dabei allerdings, dass sich sowohl Einrichtungen als auch die Träger bemühen durch gezieltes Personalmanagement und das Schaffen guter Arbeitsbedingungen die ausgebildeten Arbeitskräfte in Thüringen zu halten. Dazu gehört natürlich auch eine adäquate Entlohnung.

In der Werbung um Auszubildende und Umschüler befindet sich die Pflegebranche bereits jetzt in Konkurrenz zu vielen anderen Berufsgruppen, wie Erzieherinnen, Krankenschwestern und Grundschullehrerinnen. Der starke Geburtenrückgang nach der Wende, manche sprechen von der „demografischen Vollbremsung“ kommt jetzt in den Ausbildungsjahrgängen an. Hinzu kommt die Abwanderung insbesonderer junger Frauen in den letzten Jahren. Allein im Ilmkreis wanderten zwischen 2005 bis 2009 1.244 Frauen ab. Sie fehlen uns und werden nur schwer zurück zu holen sein.

Auch langfristig wird sich daran nicht viel ändern, die potentielle Mütter- und Vätergeneration von heute wurde schon gar nicht mehr in der Zahl geboren, in der es noch ihre Eltern waren.

Diesen Trend gibt es in Deutschland im Übrigen schon seit über 100 Jahren. Die letzte Elterngeneration die sich komplett reproduzierte hatte den Geburtsjahrgang 1880, d.h. mit Beginn des 2. Weltkrieges war Schluss mit einer Geburtenquote von 2,1 oder mehr. Gerade erst wurden die Zahlen für 2009 vorgelegt: 665.112 Geburten in Deutschland, ein Minus von 17.402 zum Vorjahr und eine Geburtenquote von 1,36 pro Frau. Thüringen liegt da noch deutlich darunter und in ganz Europa gibt es nur eine Region die noch unter Thüringen liegt und dies ist Vatikanstadt.

Diese Zahlen zu beklagen bringt wenig, die Demographiebücher der nächsten Jahre sind schon geschrieben. Rund 2,2 Millionen Thüringerinnen und Thüringer sind wir heute. Im Jahr 2030 werden es nur noch 1,8 Millionen Thüringerinnen und Thüringer sein, mit der beschriebenen Veränderung der Altersstruktur. Jetzt kommt es darauf an, mit diesen Herausforderungen umzugehen.

Meine Tätigkeit als Landesbeauftragter für das Zusammenleben der Generationen hat damit zu tun. Für einen generationenübergreifenden Dialog trete ich ein. Dies erfordert es zu vermitteln, warum sich unsere Gesellschaft so deutlich verändert.

Dies erfordert aber auch, für ein gegenseitiges Verständnis zu werben. Dazu gehört auch auf eine generationengerechte Verteilung von Vorteilen und Belastungen bei der Gesetzgebung zu achten.

Projekte, die sich mit dem demographischen Wandel aktiv auseinandersetzen gehören zu meinem Beratungsfeld und deshalb bin ich gerne nach Arnstadt gekommen, um die Prager-Schule als Träger der Pflege-Akademie zu ermutigen und beste Wünsche zur Erweiterung der Schule zu übermitteln. Seit 1991 sind sie in Arnstadt aktiv, und 2013 feiert die Prager-Schule das 100jährige Bestehen.

Durchschnittlich 40 – 70 Azubis erfahren bei Ihnen eine Berufsausbildung oder Umschulung. Insbesondere benachteiligte Jugendliche erhalten bei Ihnen eine Chance auf eine Ausbildung und damit eine gute berufliche Perspektive. Dafür gebührt Ihnen und Ihren Partnern Dank und Anerkennung.

Mit der heutigen Erweiterung Ihres Ausbildungsspektrums auf die Pflege-Akademie stellen Sie sich der Herausforderungen des demografischen Wandels, den ich skizziert habe. Der Schulleitung wünsche ich eine gute Hand dabei, den Dozenten, interessierte und engagierte Zuhörer und den Aus- und Weiterzubildenden einen erfolgreichen Abschluss.

Die sich verändernde Gesellschaft braucht Sie!

Demographischer Wandel: „Aus einem Modethema wird Ernst“

Tagung der KAS in Zeulenroda
Tagung der KAS in Zeulenroda

„Demographischer Wandel und Daseinsvorsorge im ländlichen Raum“ war der Titel einer Tagung der Konrad-Adenauer-Stiftung am heutigen Tag in Zeulenroda. Genau dies wird eines der zentralen Themen sein, mit denen ich mich in den nächsten Jahren beruflich beschäftigen werde. Heute war somit eine der Auftaktveranstaltungen, um aufbauend auf den vorliegenden Zahlen mit den handelnden Akteuren ins Gespräch zu kommen und Lösungen zu suchen.

Bis 2013 wir die KAS solche Veranstaltungen in allen vier Planungsregionen Thüringens durchführen. In Ostthüringen ging es heute los und Ostthüringen ist von den Veränderungen auch am deutlichsten betroffen. Der Bürgermeister von Zeulenroda Herr Steinwachs konnte zwar für seine Stadt eine gute Perspektive aufzeigen, aber ansonsten stehen erhebliche Veränderungen an. Ronald Münzberg vom Landesamt für Statistik präsentierte die unumstößlichen Zahlen. Von 1990 bis 2010 sank die Einwohnerzahl Thüringens von 2,6 auf 2,2 Millionen, also minus 14 Prozent! Davon 138.831 „Auswanderer“ und 211.034 weniger Geburten. Die Geburtenrückgänge schlagen naturgemäß in der Kategorie der 0-15-Jährigen zu Buche und die Auswanderer bei den 18 bis 40-Jährigen. Nur Weimar und perspektivisch Erfurt und Jena liegen im Plus.

Mit dem wirtschaftspolitischen Sprecher der Landtagsfraktion Gerhard Günther und dem CDU-Generalsekretär Mario Voigt
Mit dem wirtschaftspolitischen Sprecher der Landtagsfraktion Gerhard Günther und dem CDU-Generalsekretär Mario Voigt

Der Trend ist aber in ganz Deutschland ähnlich. Bis 2030 werden in Deutschland 4,4 Mio. weniger Menschen leben (nur Hamburg legt leicht zu), also minus 5,4% insgesamt. In Thüringen verlieren wir noch einmal über 400.000 Einwohner auf rund 1,7 Mio. (minus 18%). Die Folgen sind, dass die Zahl derjenigen, die für nicht erwerbstätige „sorgen“ sich im Verhältnis von derzeit 100 zu 51,4 auf 100 zu 82 im Jahr 2030 verändert. In Ostthüringen sogar auf 100 zu 93. Auch andere Regionen sind stark betroffen. In Suhl wird die Einwohnerzahl um 45 Prozent sinken.

Andreas Minschke, Abteilungsleiter im Ministerium für Bau, Landesentwicklung und Verkehr, schlussfolgerte berechtigt: „Aus einem Modethema wird Ernst“. Die Geburtenrate in Thüringen sank nach der Wende auf 0,8 (2,1 wäre notwendig) und liegt jetzt bei 1,4. Obwohl der Kinderwunsch wieder leicht steigt sind damit die „Zukunftsmessen“ gelesen und jetzt geht es darum den Wandel zu gestalten. Das Ministerium will mit vier wesentlichen Maßnahmen diesen Wandel begleiten: eine Serviceagentur „Demographischer Wandel“ wird entstehen, ein Youthletter begleitet den Prozeß, 2011 gibt es den 2. Demographiebericht und der Thüringer Zukunftspreis wird ausgelobt.

Mario Voigt, der Vorsitzende des Bildungsausschusses im Thüringer Landtag, erklärte Thüringen solle Vorzeigeland bei der Begleitung des demographischen Wandels werden, mobile Dienste in ländlichen Regionen sollen etabliert und Innestädte gestärkt werden.

Im Forum 2 ging es abschließend um die soziale Daseinsfürsorge – „mein Thema“! Generationsübergreifende Konzepte werden das Rezept der Zukunft sein. Die Volkssolidarität in Pößneck ist da kräftig dabei – ich werde Helmut Weißbrich zeitnah besuchen um von seinen konzepten zu lernen. Insbesondere die Stadt/Land-Entwicklung und die Situation von Familien muss dabei stärker beleuchtet werden.

Fazit: ein guter Auftakt für das Zukunftsthema Nummer 1! Alle Akteure an einem Tisch! Weiter so!